{"id":122,"date":"2023-09-11T22:27:38","date_gmt":"2023-09-11T22:27:38","guid":{"rendered":"http:\/\/dasletztedrittel.de\/?p=122"},"modified":"2023-12-02T17:04:47","modified_gmt":"2023-12-02T17:04:47","slug":"aufn-berg-muss-i-der-mont-ventoux","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/dasletztedrittel.de\/?p=122","title":{"rendered":"Auf n Berg muss i &#8211; die Mont Ventoux-Therapie"},"content":{"rendered":"\n<p>&#8222;So so, ja ja , der Mont Ventoux&#8230;&#8230;.. &#8220; , ert\u00f6nte es alle 15 Minuten aus der hinteren Busreihe auf der Abi- Abschlussfahrt mit abnehmendem Enthusiasmus. Unser Lehrer, Herr S\u00f6der, war ein riesiger Fan der Provence, unterrichtete ausgerechnet den vor k\u00fchler Logik strotzenden Mathe Leistungskurs, was in starkem Kontrast zu seiner pl\u00f6tzlich gezeigten Leidenschaft stand und hatte \u00e4hnlich wie die begleitenden potentiellen Abiturienten ansonsten mit Frankreich nicht viel am Hut. Die mochten zwar die einfachen kulinarischen Leckereien wie Rotwein, ger\u00f6stetes Baguette und frischen Knoblauch, konnten aber die Vorliebe f\u00fcr Landschaft und r\u00f6mische Hinterlassenschaften nicht mit ihm teilen. Als franz\u00f6sisch Afficinados mussten daher die Teilnehmer*innen des Franz\u00f6sisch Leistungskurses herhalten, denen das Interesse an Frankreich im Laufe des Lernens der Sprache gr\u00fcndlich verlitten wurde. Ich kann mich noch nicht mal daran erinnern, wer die zust\u00e4ndige Lehrkraft war. Mit dieser Truppe also fuhren wir kreuz und quer durch die Provence, alle 15 Minuten riss Herr S\u00f6der enthusiastisch das Mikro aus der Halterung und rief begeistert: &#8222;und links sehen Sie den Mont Ventoux&#8230;&#8220; oder &#8222;und &#8222;rechts sehen Sie den Mont Ventoux&#8230;..&#8220; . Manchmal war der Berg vorne, manchmal hinten, aber verpassen konnten wir ihn nicht. <\/p>\n\n\n\n<p>Zu dieser Zeit interessierte mich dieser Berg aber einfach nicht. Mickrige 2000m hoch, keine Schneefelder, keine Steilw\u00e4nde, keine Bergsteigerhelden. Ich war ja der selbstgekr\u00f6nte Dolomitenk\u00f6nig, kannte und liebte jeden Berg in den Sextener Dolomiten mit seinen schroffen Gipfeln und fast unbezwingbaren W\u00e4nden. Einige Wenige von Oben, die Schwierigen von Unten. Und alles, was mit dem Fahrrad zu tun hatte, war f\u00fcr Arme, denn ich sparte f\u00fcr ein Motorrad. Vierzylinder, damals nahezu unbeherrschbare 37 PS f\u00fcr echte Kerle. Mit diesem war ich dann auch mal oben auf dem Mont Ventoux. Und mich traf der Schlag: ich habe mich verliebt in diesen Berg.<\/p>\n\n\n\n<p>Auch auf dem Motorrad umwehte mich der Geist des Radfahrens. Es war nicht viel los an diesem Tag und doch passierten wir alle paar hundert Meter einen Rennradler. Beim 4. oder 5. fiel mir auf, dass es meistens alte M\u00e4nner auf ihren historischen Bikes waren, die sich da mit langer \u00dcbersetzung die Stra\u00dfe hinaufqu\u00e4lten. Ich hielt sie zun\u00e4chst f\u00fcr Geistererscheinungen und habe sie vorsorglich bewundert. Man weiss ja nie, was die Geister des Rennrades so machen, wenn es Abend wird. Sp\u00e4ter sah ich zuf\u00e4llig mal eine Reportage \u00fcber die alten M\u00e4nner am Mont Ventoux. Manche fahren tats\u00e4chlich mit 80\/ 90 Jahren mindestens ein mal die Woche dort hinauf. Gut, dass ich sie vorsorglich bewundert habe. Nach einer mit dem Motorrad sehr angenehmen Fahrt durch s\u00fcdliche W\u00e4lder, im Duft der Kiefern und einem Hauch Lavendel, \u00e4ndert sich schlagartig die Szenerie. Von einer Sekunde auf die andere war ich im Hochgebirge. Strahlend weisser Kalkstein dominiert die Landschaft, der Berg ist ein einziges Ger\u00f6llfeld, manche nennen es W\u00fcste. Jetzt lernte ich auch Tom Simpson kennen, den bekanntesten Dopingtoten der Tourgeschichte. An seinem Denkmal legten seit den 60ern hunderte von Radlern Devotionalien wie Kettenbl\u00e4tter, Trinkflaschen, Schl\u00e4uche und so weiter ab, damals zumindest. Und ganz oben wusste ich dann auch, warum der Berg &#8222;Berg des Windes&#8220; heisst. Egal aus welcher Himmelsrichtung, der Berg ist so exponiert, dass ihn der Wind immer heftig trifft. Und der ist k\u00fchl, sehr k\u00fchl. Und doch war es um mich geschehen, hier muss ich eines Tages mit dem Rennrad rauf, die alten M\u00e4nner zeigen mir, dass es geht. Aufi, auf \u00b4n Berg muss i, zitierte mein innerer Geist die Platte &#8222;der Watzmann ruft&#8220;. Aber es muss ja nicht sofort sein, mit 80\/90 geht&#8217;s ja auch noch. <\/p>\n\n\n\n<p>Das ist nun \u00fcber 30 Jahre her, war im 1. Drittel der Lebensspielzeit. Im 2. Drittel fing ich mit Mountainbike und Rennrad an und h\u00f6rte wieder auf. Ich arbeitete, hatte Familie und verhinderte den sozialen Abstieg, siehe Kapitel &#8222;Angst&#8220;. Ich wurde mobbelisch, wie wir Hessen sagen. Und kultivierte meine Komfortzone. Zweiradbegeistert blieb ich, doch nun hatten es mir die eBikes angetan. Mit denen haben die beste Lebensgef\u00e4hrtin von allen und ich tolle und auch anstrengende Fahrten gemacht, der Mont Ventoux spielte aber nur noch eine Rolle, wenn er Teil einer Etappe bei der Tour de France war. Jedes Mal gab es einen Stich im Herzen, aber ich war ja nie fit und konnte nicht trainieren. Und ich verhinderte weiterhin mit allen mir zu Verf\u00fcgung stehenden Kr\u00e4ften den sozialen Abstieg, der immer mehr drohte. Und Zeit habe ich sowieso keine, die Kunden brauchen mich, schliesslich mache ich ja einen Job mit Sinn in Coronazeiten. Nicht, dass da noch einer absteigt. <\/p>\n\n\n\n<p>Und jetzt, wo das 3. Drittel des Lebens unwiderruflich begonnen hat? Kurz vor meinem Geburtstag, frisch aus der Bretagne nach den tollen Rennradausfl\u00fcgen und kurz nach dem Finale der Tour sah ich zuf\u00e4llig auf Netflix einen holl\u00e4ndischen Film mit dem Titel &#8222;Mont Ventoux&#8220;. In Originalsprache mit Untertiteln, Ihr k\u00f6nnt erahnen, wie es um mich stand. Es ging um 5 Holl\u00e4nder, die in ihrer Jugend den Berg mit Rennr\u00e4dern bezwangen. Auf der Abfahrt kam einer von ihnen ums Leben, was jahrelange Schuldgef\u00fchle bei den anderen ausl\u00f6ste. Warum, ging in meinen Kenntnissen der holl\u00e4ndischen Sprache etwas unter. Um das Trauma zu besiegen, haben sie den Berg 30 Jahre sp\u00e4ter wieder mit Rennr\u00e4dern bezwungen. Kurz vorm letzten Drittel ihres Lebens. Wie allegorisch ist das denn? Ein Wink des Schicksals? Eine Botschaft von Oben? Ich vergoss dann auch wegen des Happy Ends hormongesteuert angemessen viele Tr\u00e4nen &#8211; sie haben es geschafft &#8211; und fasste einen Entschluss: rund um meinen 60sten werde ich auch dort Oben stehen. Mit dem Rennrad. &#8222;Whatever it takes!&#8220;, &#8222;who want\u00b4s to live for ever?&#8220;. Pathos geh\u00f6rt wohl auch zu diesen Hormonaufwallungen.  <\/p>\n\n\n\n<p>Unser heimischer Mont Ventoux heisst Feldberg, sogar grosser Feldberg. Ist genauso bescheiden zu befahren wie der grosse Bruder in der Provence. Egal von welcher Seite man kommt, es geht keinen Meter gerade oder sogar bergab. Und wird kurz vor dem Gipfel noch mal ordentlich steil. Kein Meter, auf dem man mal die Beine kurz h\u00e4ngen lassen kann. Ja, hier kann man redlich leiden und Heldengeschichte schreiben. Nervt\u00f6tende Motorradfahrer gibt es hier ebenfalls &#8211; na so was, \u00dcberraschung &#8211; und auch Radlegenden. Wie den Halbprofi, der sich einen Spass daraus machte, mit einem Jugendrad mit Dreigangnabenschaltung die Cracks auf ihren Rennmaschinen in Grund und Boden zu fahren. Verkleidet als Pilzsammler. Vor dem waren die Radler nie sicher, denn er machte das auch auf den Mountainbiketrails. Und oben ist immer mehr Wind und damit schon im Fr\u00fchherbst ordentlich k\u00fchl. Die Kuppe ist auch kahl, einen legend\u00e4ren Felsen &#8211; Sigfried was here &#8211; gibt es auch. Check! Hat bei allen Gemeinsamkeiten gegen\u00fcber dem Mont Ventoux einen Riesen Vorteil: er ist nicht weit weg.  <\/p>\n\n\n\n<p>Eingedenk des Films &#8211; wahrscheinlich habe ich holl\u00e4ndisch getr\u00e4umt &#8211; wachte ich an meinem 59sten auf und beschloss, mir zum ersten Mal nach 25 Jahren den Feldberg mit dem Rennrad untertan zu machen. Um jeden Preis! Freddy sang wieder, wie lange wirken eigentlich die Pathoshormone? Ich kenne hier jeden Meter Stra\u00dfe, war unz\u00e4hlige Male mit jeder Art Fahrzeug oben. Ich wusste, was auf mich zukommt. Ich wusste, ich w\u00fcrde leiden, untrainiert im Bergfahren wie ich nun mal war. Immerhin hatte ich durch die Ern\u00e4hrungsumstellung, das Fitnessstudio und die ersten Rennradtouren mein Kampfgewicht von damals wieder. Ja ja, damals, als ich mit Mountainbike und Rennrad w\u00f6chentlich 2 mal hochfuhr. Achtung, Oppa erz\u00e4hlt vom Krieg. Und es wurde z\u00e4h, verdammt z\u00e4h. Bis zur H\u00e4lfte ging es ganz gut, dann musste ich jeden Meter erk\u00e4mpfen. Die Beine brannten, der R\u00fccken schmerzte, der Hintern tat einfach nur weh, ich war Jan Ulrich, der in den Vogesen einbrach und Tadej Pogacar im Anstieg nach Courchevel. Aber keiner rief &#8222;Qu\u00e4l Dich, Du Sau&#8220; und nahm mich in Schlepptau, ich hatte auch keinen Marc Soler. IMist aber auch! Ungerecht, die Welt ist schlecht. Der aufweichende Asphalt bremste mich zus\u00e4tzlich. Gegenwind kam nat\u00fcrlich auch auf. Entgegen meines Gef\u00fchls war ich laut Apple Watch herzfrequenzm\u00e4ssig aber noch im gesunden Bereich. &#8222;Hilft ja nix, weitertreten&#8220;, sagte die Siri. Also trat ich weiter. Und vor meinem geistigen Auge sah ich mich auf dem Gipfel stehen und eine Wurst essen. Pathetisch das Schwert ziehen ging ja nicht, also Wurst. <\/p>\n\n\n\n<p>Dann war ich Oben. Gl\u00fcckseligkeit: leiden und gl\u00fccklich sein. Die Welt lag mir zu F\u00fcssen, Applaus brandete auf, K\u00fcsse flogen mir zu, ich bin der K\u00f6nig der Welt. Jetzt war also Leonardo die Caprio auch mit da Oben. Der Feldbergkiosk hat \u00fcbrigens gute ger\u00e4ucherte W\u00fcrste, falls jetzt jemand ein Bild im Kopf hat. Aber der grosse Vorteil des Feldbergbikens ist: zur\u00fcck geht es nur bergab. Fast bis nach Hause. Deshalb konnte ich auch ohne Angst, auf dem Heimweg einzubrechen, bis zur Ersch\u00f6pfung nach Oben fahren. <\/p>\n\n\n\n<p>Ich fasste den Entschluss, fortan mindestens 2 Mal pro Woche den Feldberg zu erklimmen, wenn es das Wetter und die Umst\u00e4nde zulassen. Und ziehe das durch. Bei jedem Anstieg fangen die Beine erst ein paar hundert Meter sp\u00e4ter an zu brennen, der R\u00fccken gew\u00f6hnt sich an die leicht devote Haltung auf dem Rennrad und der M\u00f6rdersattel wird weicher. Ich fange an, mich an der Umgebung und den Ger\u00fcchen zu erfreuen und mag den glatten Asphalt. Ich werde zum Strava-Freak. Datenschutz vs. Selbstoptimierung und Vergleich mit anderen echten Kerlen. Die Bundesjugendspiele kamen aus einem dunklen Winkel der Erinnerung hervor, mein Managementhirn jubiliert. Aber es zeigt mir, dass ich Fortschritte mache. Ich habe aufger\u00fcstet: das e-Mountainbike verkauft und daf\u00fcr ein gebrauchtes Cannondale mit Karbonrahmen, DI2 und Scheibenbremsen gekauft. <\/p>\n\n\n\n<p>Mont Ventoux, ich komme!<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&#8222;So so, ja ja , der Mont Ventoux&#8230;&#8230;.. &#8220; , ert\u00f6nte es alle 15 Minuten aus der hinteren Busreihe auf der Abi- Abschlussfahrt mit abnehmendem Enthusiasmus. 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