{"id":125,"date":"2023-09-11T08:00:37","date_gmt":"2023-09-11T08:00:37","guid":{"rendered":"http:\/\/dasletztedrittel.de\/?p=125"},"modified":"2023-11-02T16:18:31","modified_gmt":"2023-11-02T16:18:31","slug":"quael-dich-du-sau","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/dasletztedrittel.de\/?p=125","title":{"rendered":"Qu\u00e4l\u00b4 Dich, Du Sau"},"content":{"rendered":"\n<p>Diese inzwischen wahrscheinlich im Duden stehenden Worte richtete in den Vogesen w\u00e4hrend der Tour de France Udo B\u00f6lts an seinen Teamkollegen Jan Ulrich, dem drohte, das gelbe Trikot zu verlieren. Jan Ulrich war v\u00f6llig fertig, der Tank war leer, das was das, was man einen Hungerast nennt. Er hatte wohl vergessen, Kohlehydrate zu sich nehmen, den Treibstoff f\u00fcr hoch belastete Muskeln. Die \u00e4usserst freundliche Motivationshilfe durch den Teamkollegen half ihm dann, das gelbe Trikot zu behalten. Der Rest ist Radsportgeschichte und m\u00fcndet in einer der schw\u00e4rzesten, aber auch traurigsten Begebenheiten in der leider dazu geh\u00f6renden Geschichte des Sportdopings. Dass ein deutscher Sponsor eines Radteams Jahre sp\u00e4ter mit dem Slogan &#8222;Doping f\u00fcr die Haare&#8220; warb, ist wieder so ein Treppenwitz, den man sich in seiner k\u00fchnsten Fantasie nach 3 Gl\u00e4sern Rotwein nicht ausmalen h\u00e4tte k\u00f6nnen. <\/p>\n\n\n\n<p>Seitdem ich die Ern\u00e4hrung umgestellt hatte, weiss ich auch, was ein Hungerast ist. Allerdings nicht heroisch in den Vogesen als F\u00fchrender eines Radrennens sonder ganz profan im 2. Stock des Treppenhauses in unserem Hochhaus. Ist nicht ganz so gut f\u00fcr\u00b4s Ego, dann vom 2. in den 4. Stock den Aufzug zu nehmen. Da waren sie wieder, die Urzeitgene. Zucker = Energie = Treppe wie ein junger Gott hochfliegen. Als h\u00e4tte jemand einen Stecker gezogen, die Muskeln fuhren einfach runter auf Standby. Das half jetzt nicht gerade f\u00fcr die \u00e4rztliche Anweisung &#8220; viel Bewegen!&#8220;. Meine Haus\u00e4rztin w\u00fcrde von mir nach dem Duzen ab jetzt wahrscheinlich Umlagen f\u00fcrs tempor\u00e4re Wohnen in ihrer Praxis einfordern. <\/p>\n\n\n\n<p>Das ist aber doof, ein echter Zielkonflikt, wie mein managementgest\u00e4hlter Geist mir h\u00f6hnisch zufl\u00fcsterte. Und der K\u00f6rper nickte eifrig und pr\u00e4sentierte dem Geist eine einfache L\u00f6sung: &#8222;iss`was Ordentliches, mit ordentlich Zucker drin! So\u00b4n Croissant, Kuchen, etwas Eis und dann runtersp\u00fclen mit \u00b4nem sch\u00f6nen ges\u00fcssten Earl Grey. Mit Milch&#8220;. H\u00e4ttet Ihr wohl gerne, gibt&#8217;s nicht. Gibt weiterhin Eiweiss und Fett aus Gem\u00fcse, H\u00fclsenfr\u00fcchten, K\u00e4se und Fleisch, sonst nix. Verdient Euch Eure Energie! &#8222;OK, dann halt weiter Streik&#8220;, meinte der K\u00f6rper in Einklang mit dem Geist. So blieb ich also eine Weile lang schlapp und leicht verwirrt. Und nahm den Aufzug. <\/p>\n\n\n\n<p>Nach einiger Zeit kam die Evolution um die Ecke und redete meinen Begleitern ins Gewissen. &#8222;Selbstzerst\u00f6rung is\u00b4nich\u00b4, Ihr m\u00fcsst Euch was anderes einfallen lassen, schliesslich geht es um den Erhalt der Art, Survival of the fittest und so, passt Euch also gef\u00e4lligst an! Und noch ein Tipp: wozu habe ich Euch denn die vielen Reserven anlegen lassen? Sooo sch\u00f6n ist der Mantel nun auch nicht, Ritter Speck!&#8220; <\/p>\n\n\n\n<p>Oh ha, das sass aber. Und jetzt begann ich es tats\u00e4chlich zu sp\u00fcren. Die t\u00e4gliche Spazierrunde wurde leichter, dann konnte ich sie immer weiter ausdehnen. Der 4. Stock wurde vom t\u00e4glichen Mount Everest zum Valkenberg, der h\u00f6chsten Erhebung Hollands. K\u00f6rper und Geist holten sich Ihre Energie aus dem, was sie bekamen und wenn das nicht reichte, aus den Reserven. Ich begann, abzunehmen und wurde wieder wacher und motivierter. Ganz ohne Doping wollten die Beiden aber dann doch nicht. Habe ich schon beschrieben, dass Metformin ein geiler Stoff ist? <\/p>\n\n\n\n<p>Doc Riedel von den Ern\u00e4hrungsdocs hat sich wohl mit meiner Haus\u00e4rztin und der besten Lebensgef\u00e4hrtin von Allen abgesprochen und mir befohlen, ins Fitnessstudio zu gehen. Denn der K\u00f6rper baut alles ab, wirklich alles, um es in Zuckerenergie umzuwandeln, nicht nur Fett. Muskelerhalt w\u00fcrde v\u00f6llig reichen, Sylvester, Arnie und Ralf m\u00fcssten nicht unbedingt Vorbild sein. Fitnessstudio: testosterongeschw\u00e4ngerte Luft, Schweissgeruch, Frauen in hautengen Klamotten, die sich elegant bewegen, alle Menschen dort rank, schlank, muskul\u00f6s, beweglich. Dazwischen arme Gestalten: plump, dick, schwitzend. Bald w\u00e4re ich einer von ihnen. Und die Trainer: junge Leute, die mich anschauen und denen sich mein Anblick f\u00fcr immer als Negativbeispiel auf ihrer Festplatte abgespeichert hat. Geht doch nichts \u00fcber Klischees. Und das Klischee lebt!<\/p>\n\n\n\n<p>Oder nicht! Ich bin nicht alleine hin. Ich war ein leuchtendes Vorbild f\u00fcr die beste Lebensgef\u00e4hrtin von allen und motivierte sie im Stile eines personal Coaches, sich in meinem Windschatten ins Fitnessstudio zu begeben, um sich fortan mit den dortigen Leibes\u00fcbungen zu st\u00e4hlen. Kann auch sein, dass es umgekehrt war. Dieser Eindruck k\u00f6nnte entstehen, wenn sie gefragt wird, warum wir zusammen hin sind. Wie dem auch sei. In unserer N\u00e4he gibt es zwei Studios, wir dabbelten also hin. Es war richtig nett: hell, gute Luft, ganz normale Leute, die einfach ihr Ding machten und vor allem: die jungen Trainer nahmen sich richtig Zeit, uns herumzuf\u00fchren. Da die Studios vergleichbar waren, traf jeder f\u00fcr sich die Entscheidung je nach N\u00e4he zur Arbeitsstelle, deshalb landeten wir nicht im gleichen Studio. Beide Studios geh\u00f6ren zu Ketten, die in beiden St\u00e4dten Filialen haben. Ist auch ganz gut so, denn Eleganz, Grazie und gutes Aussehen waren nun nicht gerade die Eigenschaften, die mein Speckmantel in Bewegung zeigte. Der Blick in den Spiegel verst\u00f6rte schon ein wenig und \u00fcberliess das Bild vom fitten Dicken nur noch der Fantasie. Ein bisschen eitel bin ich schon.  <\/p>\n\n\n\n<p>Der Trainer, der mit mir meinen Trainingsplan erstellte, ist Profi durch und durch. Ich werde nicht der Erste und Letzte gewesen sein, der in diesem gef\u00fchlten und \u00e4usserlich sichtbaren Zustand zu ihm kam und noch kommen wird. Lebensweisen wie meine sorgen da schon f\u00fcr ordentlich Nachschub. Er zuckte noch nicht mal, als er Gewichte in der Gr\u00f6\u00dfenordnung f\u00fcr junge Damen auflegte und sagte dann den beruhigendsten aller S\u00e4tze: &#8222;Du sollst hier keine Muskelberge bekommen. Wenig Gewicht, viele Wiederholungen f\u00fchren in Deinem Fall zum Erfolg, versprochen!&#8220; Und ich sagte mir: &#8222;vergiss\u00b4 endlich die ewige Challenge in Deiner Generation, die ihren j\u00e4hrlichen sportlichen H\u00f6hepunkt in den Bundesjugendspielen hatte! Hier bist Du endlich mal nur einer von Vielen!&#8220;. <\/p>\n\n\n\n<p>So dann, toller Trainer, nettes Studio, genau die richtigen \u00dcbungen. Ich ging und gehe noch gerne und wenn nicht gerade hochsommerliche Temperaturen sind, gerne hin. Es hilft tats\u00e4chlich beim Abnehmen und die Muskeln bleiben einigermassen kr\u00e4ftig. Inzwischen kann ich ein Gewicht mehr auflegen und bei \u00dcbungen, die das K\u00f6rpergewicht mitbewegen, 16 kg Speck durch 16 kg Eisen ersetzen. Die Sau muss sich gar nicht so qu\u00e4len. <\/p>\n\n\n\n<p>Aber das sind alles nur Nebenb\u00fchnen. Auf den Brettern des Lebens f\u00fchre ich gerade die Hauptauff\u00fchrung \u00fcber die sich qu\u00e4lende Sau auf: Rennrad fahren ist eine eigene Geschichte. <\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Diese inzwischen wahrscheinlich im Duden stehenden Worte richtete in den Vogesen w\u00e4hrend der Tour de France Udo B\u00f6lts an seinen Teamkollegen Jan Ulrich, dem drohte, das gelbe Trikot zu verlieren. Jan Ulrich war v\u00f6llig fertig, der Tank war leer, das was das, was man einen Hungerast nennt. 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