{"id":133,"date":"2023-09-11T20:49:40","date_gmt":"2023-09-11T20:49:40","guid":{"rendered":"http:\/\/dasletztedrittel.de\/?p=133"},"modified":"2023-11-02T16:18:47","modified_gmt":"2023-11-02T16:18:47","slug":"meine-leiden-zur-tour-de-france","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/dasletztedrittel.de\/?p=133","title":{"rendered":"Meine Leiden zur Tour de France"},"content":{"rendered":"\n<p>Oh der Sommer: Hitze, Urlaub,  je nach aktueller Sehnsucht der S\u00fcden oder der Norden, Berge, Meer, Biken, Biergarten, Campingplatz und &#8230;&#8230; leiden. Ja, richtig geh\u00f6rt: leiden! Also erst mal nicht ich, sondern die Anderen. Die, die sich auf dem Rennrad durch Regen, Hitze, Staub und Dreck die Berge hoch hoch und runter qu\u00e4len, freiwillig. Es ist die Zeit der Tour. <\/p>\n\n\n\n<p>Das Fr\u00fchjahr hindurch wurde ich geteast: Paris-Nizza, Paris-Roubaix, Fleche Wallone, Giro, Dauphine Libere zielten auf den H\u00f6hepunkt des Jahres. Ich hatte ja Zeit, Eurosport zu gucken. Mir kribbelte es vorm Fernseher in den Beinen, juckte im Hintern, ich konnte die Sonne auf den Armen fast schon sp\u00fcren, das fast lautlose Gleiten auf dem Asphalt erleben (vergesst bitte Karbonfelgen!), das Spiel der Muskeln f\u00fchlen und ich wollte den Schmerz besiegen, ganz so wie die Profis auf ihren R\u00e4dern. Auf dem eBike k\u00f6nnen zwar der Hintern und die Beine auch ganz sch\u00f6n schmerzen, doch das ist nicht dasselbe, echt nicht. Rennrad ist die K\u00f6nigsklasse.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Tour de Swiss wollte ich zu meiner Vorbereitung auf die Tour nutzen. Also die Kleinanzeigen App \u00f6ffnen und mal gucken, was so k\u00e4uflich f\u00fcr kleines Geld zu erwerben ist. In den Radladen gehen und mich dort von Verk\u00e4ufern Typ &#8222;Frankfurt-Gardasee in 2 Tagen&#8220; in die Trekkingrad oder eBike- Ecke abschieben zu lassen, war nicht so meins. Diplomatie und Kundenwunsch verstehen steht meiner Erfahrung nach ganz oben im Anforderungsprofil eines Fitnesstrainers, bei Bikeverk\u00e4ufern aber vermute ich, dass es eher vergessen wurde, als das Profil erstellt wurde. Die eine oder andere Ausnahme gibt es, sonst h\u00e4tte ich nicht die perfekte Radhose. Danke an den tollen Verk\u00e4ufer bei Fahrrad Denfeld, obwohl ich immer 10 mal mehr ausgebe als geplant. Es lohnt sich immer. F\u00fcrs Rennrad aber lieber mal im Ged\u00e4chtnis gekramt und die Kenntnisse aus meiner aktiveren Zeit genutzt. Zu der Zeit war der Alurahmen im mittleren Preissegment recht frisch, die Taiwanesen hatten endlich gelernt, wie man Alurahmen in Gro\u00dfserie schweissen kann, die integrierten Schalt-\/ Bremshebel STI von Shimano kamen auf und man hat erkannt, dass man mit 42\/19 nicht so wirklich gut Berge fahren kann. Ausser, man ist Miguel Indurain, was aber nur ein mal in der Welt vorkam. Bikes unter 10kg gab es auch schon im mittleren Preissegment. So definierte ich dann meine Anforderungen. Und mehr als 400 Euro wollte ich erst mal nicht ausgeben. Die Auswahl ist tats\u00e4chlich gro\u00df. Wer sich allerdings auf alte Testberichte zur Entscheidungsfindung berufen m\u00f6chte, wird meist entt\u00e4uscht. Dieses Internet war zur Zeit der beschriebenen R\u00e4der noch Neuland in Deutschland. <\/p>\n\n\n\n<p>Das Rad meiner Wahl ist ein Cicli B, Custom Built by Radsport Lohmann in Kassel. 3-fach Ultegra mit 14-25 Kassette, 9,5 Kilo, M\u00f6rder-Sattel, gegen den der gute alte Flite wie ein Fernsehsofa anmutet. Das ganze Ding steif wie meine fast 60 j\u00e4hrigen Knochen und bockhart auf 25mm Reifen bei 8 bar.  Die galten seinerzeit als Breitreifen. Es strahlte echte H\u00e4rte f\u00fcr echte M\u00e4nner aus, das versprach schon mal angemessenes Leiden. Die Probefahrt war&#8230;&#8230; &#8211; nun ja &#8211; interessant. Seit 11 Jahren fahre ich ja nur e-Fully- S\u00e4nften und schwebe \u00fcber den Widrigkeiten der Strasse. Mit eingebautem R\u00fcckenwind. Mit dem Rennrad dagegen ging gef\u00fchlt erst mal gar nichts voran, jeder Gullydeckel tat weh und zu allem \u00dcberfluss konnte ich es mir nicht gescheit einstellen. Einfach mal sitzen ging nicht. Was soll&#8217;s: das Ding ins Auto packen und mal in Ruhe an mich anpassen und dann mal weitersehen. Bezahlen und gl\u00fccklich sein, ich habe im Leben schon teurere Dinge als dieses f\u00fcr 300 Euro ungenutzt in den Keller oder die Garage gestellt. Noch ein paar Schuhe f\u00fcr die Klickpedale bei Decathlon gekauft. Unglaublich, ich bekam ein paar Nachbauten der MTB-Schuhe, die ich vor einem halben Leben hatte, das nenne ich mal Retrodesign. Zur Vorbereitung die Zusammenfassung der letzten Etappe der Tour de Swiss reingezogen und los ging&#8217;s. I was on the road again.<\/p>\n\n\n\n<p>Aber nicht lange. Ich hielt etwa alle 300 Meter an. Sattel ein paar Millimeter hoch, dann runter, dann vor, dann zur\u00fcck. Das gleiche mit dem Lenker. Dann Pedale, denn die Cleats lassen sich ja auch verschieben und verdrehen. Hat eigentlich mal jemand errechnet, wie viele theoretische Sitzpositionen ein Rennrad bietet? Ich bin da allerdings auch ein echtes Sensibelchen vor dem Herrn, aber nach etwa 30 Kilometern hatte ich es. Mein ernst gemeinter Tipp: NIEMALS 2 Einstellung auf einmal \u00e4ndern, ist wie in der IT. Im Gegensatz zu IT, wo man ziemlich lange Kompetenz bei gleichzeigem Hang zum Rumprobieren ausstrahlen kann, machte sich hier jede kleinste \u00c4nderung unmittelbar bemerkbar. Ich kam dann sogar voran, konnte bergab das fast lautlose Gleiten geniessen. &#8222;Dieses leichte Klicken aus dem Pedalbereich macht mich wahnsinnig&#8220;, das Sensibelchen in mir war also noch da. Und am ersten &#8222;Berg&#8220; durfte ich mich richtig qu\u00e4len.  Immer in der Angst, dass die Kreiselkr\u00e4fte jeden Moment versagen k\u00f6nnten, so langsam f\u00fchlte ich mich. Ebene gibt es im Taunus nicht und so wurden es 350 H\u00f6henmeter aus eigener Kraft. Ich war gl\u00fccklich! Und es klappte: die Endorphine vertrieben die Schmerzen. <\/p>\n\n\n\n<p>Und dann begann die Tour. Mein Highlight des Jahres, ich war ein G\u00fcnstling des Schicksals. War ja mit den Massnahmen zur geistigen Gesundung durch k\u00f6rperliche Fitness krank geschrieben und konnte erst \u00b4ne Runde mit dem Rad drehen und dann das Finale der Tagesetappe ansehen. Ich litt also auf der Stra\u00dfe bergauf &#8211; bergab gl\u00fccklich vor mich hin und konnte dann das Leiden der Anderen bewundern. Leiden und gl\u00fccklich sein:  klingt f\u00fcr Nicht-Rennradler ganz sch\u00f6n bescheuert, oder? Erste Reaktionen auf diesen Text zeigen \u00fcbrigens ganz klar: es klingt nicht nur bescheuert, es ist bescheuert.<\/p>\n\n\n\n<p>Nat\u00fcrlich habe ich einen gewissen Hang zur \u00dcbertreibung und nenne als Sozialisierter der nahezu bewegungsphobischer Gesellschaft alles ausserhalb meiner Komfortzone &#8222;Leiden&#8220;. Aber es geh\u00f6rt auch zum guten Ton in der Rennrad-Szene. Ausserdem steuert mich mein \u00fcber Jahrhunderte trainiertes Urzeithirn in eine bestimmte Richtung. Das speichert n\u00e4mlich alles, was au\u00dferhalb der Komfortzone ist, als Gefahr und damit beachtenswert und erinnerungsbed\u00fcrftig ab. Speedpedelec fahren im Rausch der Geschwindigkeit oder mit dem e-Mountainbike einen Trail hoch- statt runterballern finde ich auch anstrengend, der Hintern tut auch weh, \u00fcber Hitze oder Regen wollen wir gar nicht reden und es bringt auch eine gute Grundlagenausdauer, aaaber&#8230;&#8230;..: auf diesen Gef\u00e4hrten kann ich auch mal loslassen und mich vom Motor vorantreiben lassen, wenn die Beine mal nicht so richtig wollen oder ich anfange, in der Regenjacke zu schwitzen oder ich einfach mal Cruisen will. Aber das Urzeithirn bleibt bei diesen Aktivit\u00e4ten im Dashcammodus. An die k\u00f6rperlichen Grenzen kamen ich und die beste Lebensgef\u00e4hrtin von allen trotzdem recht oft, z.B. als wir 2 x 35 kg Speedpedelecs + je 15 kg Gep\u00e4ck \u00fcbers Pfitscherjoch schleppten oder bei minus 10 Grad zur Arbeit fuhren. Geht auch, muss man auch wirklich wollen. Und das speichert sogar das Urzeithirn unwiderruflich ab. Waren gute Zeiten. <\/p>\n\n\n\n<p>Rennrad fahren geh\u00f6rt eindeutig zu den Fortbewegungen ausserhalb der Komfortzone, erst recht der eines fitten Dicken am Anfang seiner Trainingseinheiten. Mein Urzeithirn schickte mir sofort die Bilder und Gef\u00fchle der Rennradausfahrten von vor 25 Jahren auf den inneren Schirm: die schmerzenden Oberschenkel, den wundgesessenen Bobbes (wie wir Hessen sagen), die eingeschlafenen Gliedmassen, die dank vergessener Jacke eisigen Abfahrten und dabei gef\u00fchllosen H\u00e4nde in kurzen Handschuhen, die Schlagl\u00f6cher, die ungefiltert in den R\u00fccken gehen, die schmerzenden Handgelenke, sogar die als Schmach empfundenen zahlreichen Umkehrten vor dem Gipfel&#8230;..was will man mehr? Die Botschaft war: &#8222;lass\u00b4 es!&#8220;. <\/p>\n\n\n\n<p>Doch die Dashcam hatte doch noch einen Speicher, es blitzte auch auf, wenn auch undank der Evolution k\u00fcrzer: das Sirren der Reifen auf glattem Asphalt, das Gef\u00fchl des lautlosen Dahingleitens aus eigener Kraft, das Gipfelgl\u00fcck (besonders auf dem Kreuzberg in der Rh\u00f6n, Kenner wissen, warum, Stichwort Klosterbier), das kleine H\u00e4uflein Rennradler auf dem Feldberg, das sich dicht zusammen stehend bei minus 10 Grad die anstehende Abfahrt warm redete, die Beine, die mich wider erwarten doch noch die letzte Steigung hinauf trugen, der Geruch des Herbstlaubes oder der Sommerwiese, die Aussicht auf die Lichter der Stadt, wenn es wieder mal sp\u00e4t wurde und sie mir zu F\u00fcssen lag. Du kannst jeden Ort aus eigener Kraft erreichen, das ist Freiheit. Na ja, vorausgesetzt, Du hast Werkzeug, Pumpe und Ersatzschlauch mit. Unbeschreiblich aber das Gef\u00fchl, wenn es nach viel Improvisation bei der Reparatur wieder weiter ging. Lichter der Stadt und so. Hey, unterm Strich ist das doch viel besser als das, was mein Urzeithirn zuerst raus liess. Und genau so sch\u00f6n wurde es jetzt wieder. Urzeithirn, Du kannst mich mal!<\/p>\n\n\n\n<p>Es wurde in diesem Jahr sogar noch besser, denn wir fuhren mit dem Wohnmobil nach Frankreich. Genauer: in die wildromantische Bretagne. Direkt an die Steilk\u00fcste am Meer. Die Speedpedelecs ruhten auf dem Hecktr\u00e4ger, das Rennrad sanft auf dem Bett. Falls hier jemand das falsche Bild vor seinen Augen hat: nachts musste es aber raus, so weit geht die Liebe dann doch nicht. Obwohl&#8230;.. mein Mountainbike von fr\u00fcher h\u00e4tte gute Chancen gehabt, im Trockenen zu bleiben. Es war fantastisch, Tr\u00e4ume wurden wahr: ich fuhr zu Tour Zeiten in Frankreich Rennrad. Die Zuschauer waren v\u00f6llig aus dem H\u00e4uschen. Mittags Gleiten auf schmalen Landstra\u00dfen oberhalb der Steilk\u00fcste, dann vorbei an wundervollen Steinh\u00e4usern mir riesigen Blumeng\u00e4rten. Dazu immer den Geruch des stets nahen Meeres in der Nase noch eine kleine Extrarunde drehen und zur\u00fcck zur Base, einen Caf\u00e9 au Lait schl\u00fcrfen und das Etappenfinale oder mindestens die Zusammenfassung auf dem Tablet sehen. Sogar die beste Lebensgef\u00e4hrtin von allen fieberte mit. Ich habe zu Tour de France Zeiten schon wesentlich schlechter gelitten. <\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Oh der Sommer: Hitze, Urlaub, je nach aktueller Sehnsucht der S\u00fcden oder der Norden, Berge, Meer, Biken, Biergarten, Campingplatz und &#8230;&#8230; leiden. Ja, richtig geh\u00f6rt: leiden! Also erst mal nicht ich, sondern die Anderen. Die, die sich auf dem Rennrad durch Regen, Hitze, Staub und Dreck die Berge hoch hoch und runter qu\u00e4len, freiwillig. Es ist die Zeit der Tour.<\/p>\n<p><a class=\"more-link\" href=\"https:\/\/dasletztedrittel.de\/?p=133\">Weiterlesen<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"advanced_seo_description":"","jetpack_seo_html_title":"","jetpack_seo_noindex":false,"jetpack_post_was_ever_published":false,"_jetpack_newsletter_access":"","_jetpack_dont_email_post_to_subs":false,"_jetpack_newsletter_tier_id":0,"_jetpack_memberships_contains_paywalled_content":false,"_jetpack_memberships_contains_paid_content":false,"footnotes":""},"categories":[5],"tags":[],"class_list":["post-133","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-sport"],"jetpack_featured_media_url":"","jetpack-related-posts":[],"jetpack_likes_enabled":true,"jetpack_sharing_enabled":true,"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/dasletztedrittel.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/133","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/dasletztedrittel.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/dasletztedrittel.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/dasletztedrittel.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/dasletztedrittel.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=133"}],"version-history":[{"count":9,"href":"https:\/\/dasletztedrittel.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/133\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":194,"href":"https:\/\/dasletztedrittel.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/133\/revisions\/194"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/dasletztedrittel.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=133"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/dasletztedrittel.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=133"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/dasletztedrittel.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=133"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}