{"id":149,"date":"2023-09-12T08:46:35","date_gmt":"2023-09-12T08:46:35","guid":{"rendered":"http:\/\/dasletztedrittel.de\/?p=149"},"modified":"2023-12-02T17:03:43","modified_gmt":"2023-12-02T17:03:43","slug":"helden-auch-gefallene","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/dasletztedrittel.de\/?p=149","title":{"rendered":"Helden, auch gefallene"},"content":{"rendered":"\n<p>Wie so oft kann ich nicht schlafen. In den stressigen Zeiten vor dem Burnout waren es die unerledigten oder kommenden Aufgaben des n\u00e4chsten Tages, die die Gelegenheit nutzten, sich genau dann zu melden, wenn sie sicher waren, meine volle Aufmerksamkeit zu bekommen. Auf Gef\u00fchlsebene stritten sie sich als Sorge vor fehlender Anerkennung und in-Ungnade-fallen beim Chief und damit ewiger Verdammnis mit den \u00c4ngsten vor Krebs und gesundheitlichem Siechtum um die Vorherrschaft. Danach war es die ungewisse Zukunft, die mich wachhielt, die Bef\u00fcrchtungen, dass die zarten Pfl\u00e4nzchen unserer Zukunftspl\u00e4ne wieder verdorren w\u00fcrden, bevor sich auch nur eine Bl\u00fcte zeigt. Es sind tats\u00e4chlich so Gedanken wie: &#8222;wo ist eigentlich die n\u00e4chste Ausgabe der Tafel?&#8220;, die sich im Hirn breit machen. Nee nee, Junge, so einfach kommst Du nicht davon, Deine Sorgen und \u00c4ngste brauchen ungeteilte Aufmerksamkeit. <\/p>\n\n\n\n<p>Das kann ganz sch\u00f6n hartn\u00e4ckig sein, doch seitdem ich in der Gruppentherapie etwas \u00fcber Achtsamkeit und Selbstmitgef\u00fchl gelernt habe, d\u00fcrfen sich auch vermeintlich v\u00f6llig irrelevante und vordergr\u00fcndig unn\u00fctze Gedanken darin versuchen, meine Aufmerksamkeit zu erheischen und mich wach halten. Ob das wegen des anhaltenden Schlafdefizites gesundheitlich besser ist, wird sich zeigen. F\u00fcr die geistige Gesundheit ist es allemal gut. Heute morgen kamen mir Vorbilder in den Sinn, die Geschichte im allgemeinen und die Radsportlegenden im besonderen defilierten an meinem inneren Auge vorbei. Wir Jungs haben es da eigentlich sehr leicht. Die kommerziell erfolgreichen Geschichtsschreiber waren M\u00e4nner, Frauen waren per religi\u00f6sem und gesellschaftlichem Dekret nicht so viel wert. Wer seine Geschichte verkaufen wollte, schrieb \u00fcber M\u00e4nner, die tolle Dinge taten. Wir wuchsen auf mit dem Wagemut eines Charles Lindbergh, goutieren heutzutage immer noch die Erfindung des Carl Benz und lauschen den Kl\u00e4ngen von Schubert, wenn auch nicht so wirklich gerne. Dass es eine Amelia Earnhardt gab, die noch tollk\u00fchner flog, dass Berta Benz der erste Mensch der Welt war, der mutig eine Fahrt im Automobil zur\u00fccklegte und die grosse Automarke nach der Tochter eines Kunden benannt ist, der Herr Schubert wie fast alle seine Kollegen eine Ghostwriterin, seine Frau, hatte, ging dagegen unter. Ich sehe, wie meine T\u00f6chter dar\u00fcber irritiert sind, gar richtig darunter leiden, dass es &#8222;offiziell&#8220; so wenige Heldinnen gibt, die ihnen als Vorbild dienen. Das aber ist wieder ein anderer Exkurs. Eher so f\u00fcr den Herbst, wenn man wegen des schlechteren Wetter nicht so recht weiss, auf wen man sauer sein soll. <\/p>\n\n\n\n<p>Es wird jetzt etwas Off-Topic, aber ich kann meinem halbschlafendes Hirn nicht befehlen, was es zu denken hat. Jedenfalls wurde die ganze Gedankenkette und deren unbewusste Verarbeitung im Aufwachmodus  dadurch ausgel\u00f6st, dass ich am Tag zuvor mal wieder den Feldberg erklomm. Also in echt. Gleichm\u00e4ssige Steigung, regelm\u00e4ssige Atmung, mittlere Herzfrequenz, nullkommanull fahrtechnische Herausforderung durch die Strasse, 10 km mit leicht gesenktem Kopf immer 20 cm links der durchgehenden weissen Begrenzungslinie auf immer gleichem Asphalt: das erzeugt kreative Langeweile und l\u00e4sst die Gedanken schweifen. Zum Beispiel diese: &#8222;warum mache ich das hier eigentlich und wer zum Teufel hat mich dazu animiert, ausgerechnet aufs Rennrad zu steigen?&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p>Die Radsportwelt war lange eine M\u00e4nnerdom\u00e4ne und so konnte ich mir ohne feministische Gewissenbisse durch meine jeweiligen Lebensbegleiterin meine Helden aussuchen. Miguel Indurain war so einer, beziehungsweise sein Fahrstil. Ihn selbst fand ich eher langweilig. Aber dass er mit unendlicher Kraft fast jeden Berg auf dem gro\u00dfen Blatt trat und dabei ruhig im Sattel blieb, w\u00e4hrend sich die anderen regelrecht abhampelten, brannte sich regelrecht in meine Beine ein. So bin ich als Jugendlicher auch gefahren und habe die Mitfahrer auf dem Weg in die Schule mit der niedrigen Trittfrequenz irritiert. Sie wollten immer meine Schaltung reparieren. Doch es nahte die Revolution: ich habe live am Fernseher erlebt, wie der K\u00f6nig vom Thron gest\u00fcrzt wurde. Piraten eroberten das Peloton, Auftritt Marco Pantani, von seinen Gegnern als &#8222;Elefantino&#8220; verunglimpft, von seinen Fans &#8222;Il Pirato&#8220; getauft. Der machte beim Giro d\u00b4Italia das, was man so eigentlich macht, wenn man Fahrradtechnik montiert hat: schaltete an einer Rampe zur\u00fcck, stellte sich in die Pedale und h\u00e4ngte Indurain ab. Der hatte wohl v\u00f6llig vergessen, wie man schaltet, war \u00fcber diese Majest\u00e4tsbeleidigung emp\u00f6rt und kam geschlagen ins Ziel. Er sollte sich davon nie wieder erholen und &#8211; ich glaube, das hat ihm den letzten Schlag versetzt und ihn zum Beenden seiner Karriere gebracht &#8211; verlor seine Vorbildfunktion f\u00fcr mich. Er  fuhr halt arg oldschool.<\/p>\n\n\n\n<p>Dem Marco Pantani zuzusehen, wie er in Alpe d\u00b4Huez bergauf st\u00fcrmte und den Mont Ventoux bezwang, das war ein Genuss. Ich fieberte mit, versuchte den Moment der Attacke vorherzusehen. Der Mann war irre im positiven Sinne, ein Maniac. Leider war auch was anderes positiv, und zwar seine Dopingprobe. Mit dem Sturz in die sportliche Bedeutungslosigkeit und dem, was es an \u00c4ngsten, Trauer und Wut mit sich bringt, kam nicht mehr klar. Sein einsamer Drogentod ersch\u00fctterte mich sehr und die extrem negative Berichterstattung hatte er definitiv nicht verdient. <\/p>\n\n\n\n<p>Als n\u00e4chstes Team Telekom mit dem aufgehenden Stern Jan Ulrich. Wie er seinem Captain Bjarne Riis zum Sieg verhalf, um sich ein Jahr sp\u00e4ter selbst die Krone der Tour aufzusetzen, das war einfach grosses Kino. Was f\u00fcr eine Radbeherrschung, was f\u00fcr eine Kraft, die niemand sonst so effektiv in Vortrieb umsetzen konnte. Mich beeindruckte dazu noch die geschlossene Teamleistung. Hier war ein Team, was wie Pech und Schwefel zusammenhielt. Ganz Deutschland trug Magenta, leider auch die l\u00e4cherlichen &#8222;Deppek\u00e4ppche&#8220;. Es war eine unheilige Allianz. Wie wir heute wissen, wurde das Team Telekom vor allem durch die Omerta, das Gesetz des Schweigens, wie die Mafia zusammengeschweisst. Jan Ulrich fiel sehr, sehr tief und ich bin ehrlich froh dar\u00fcber, dass er einen Weg zur\u00fcck ins Leben gefunden hat. Ich g\u00f6nne es ihm von Herzen. Die Team-Telekom-Mafia wurde nie so wirklich zur Rechenschaft dar\u00fcber gezogen, was sie aus dem Sport machte, es wurden immer nur Einzelne in das Blame Game hineingezogen. Hier wurde das Dopingssystem endg\u00fcltig systematisiert. Trotzdem, als sie noch fuhren und wir an Vitamine und Tee glauben wollten, waren die Fahrer sympathische Vorbilder. <\/p>\n\n\n\n<p>Dann kam Lance, der Ausserirdische. Er hievte alles auf ein nie da gewesenes Niveau. Alles! Ich las seine Biografie, bewunderte, wie er den Krebs besiegte. Mit welchem Willen zum Leben er aufs Rad stieg, und wenn es nur eine Handvoll Kilometer waren, die er nach OP und Chemo schaffte. Er brauchte das Lebenselixier Radfahren und die Sportwelt brauchte ihn. Man vergisst auch gerne, wie liebevoll er in dem Buch den Menschen dankte, die ihm durch diese Zeiten halfen und wie er &#8222;Ride against Cancer&#8220; ins Leben rief. Denn als er wieder gesundet auf dem Rad sass und Patron der Tour war, war er ganz anders. Ein strenger Herrscher, ein Diktator, ein Mobber, einer, der unendlich viele Pychospielchen beherrschte. Ein echtes Arschloch und Kind seiner Zeit. Und doch war da was, was sich als Vorbild eignete: er brachte sein Team dazu, sich akribisch vorzubereiten. Sie fuhren im Winter mehrfach alle Anstiege ab, erstellten Roadbooks mit den Stellen, die sich zum Attackieren oder Regenerieren eignen. Ich war echt baff, dass die anderen das nicht machten. Im Gegenteil, Jan Ulrich und andere wurden &#8211; nicht ganz zu unrecht &#8211; jeden Winter als Moppel geschm\u00e4ht. Die schwarze Managementseele in mir wurde durch Lance Armstrong befriedigt. Sieg durch Vorbereitung, Zeitmanagement und unbedingten Willen zum Erfolg.  Und Psychotricks seien legitim. <\/p>\n\n\n\n<p>Allerdings h\u00e4tte ich ihn wohl nie beachtet, wenn er nicht den f\u00fcr mich seinerzeit passenden Fahrstil gehabt h\u00e4tte. Statt mit purer Kraft die Berge hochzutreten, war die hohe Trittfrequenz das Mittel zum Sieg. Ich pr\u00e4gte mir ein, wie Lance die Berge hochfuhr und machte es nach.  Zu der Zeit war ich fast nur mit dem Mountainbike unterwegs, in meinem Fuhrpark waren nur damit hohe Frequenzen m\u00f6glich, das Rennrad war mit der Heldenkurbel best\u00fcckt. Und siehe da, ich kam fitter und schneller auf dem Feldberg an. Ja, auch die Mountainbikerouten f\u00fchren immer bergauf auf den Feldberg. Daf\u00fcr dann 15 km Downhill auf Trails und Schotter als Belohnung, f\u00fcr die ich immer fit genug blieb, nachdem ich Oben war. <\/p>\n\n\n\n<p>Auch Lance fiel, wenn auch nicht ganz so tief. Er wirkte eher \u00fcberrascht, dass die Welt jahrelang glauben wollte, dass jemand, dessen Hoden vom Krebs zerst\u00f6rt wurden, als junger Mann ohne von aussen zugef\u00fchrtes Testosteron Spitzenleistung erbrachte und Kinder zeugte. Nachdem er Oprah ein paar Tr\u00e4nen vorgeheuchelt hatte und ihm die 7 Toursiege aberkannt wurden, ging sein Leben einfach weiter. Auch in der \u00d6ffentlichkeit. Wie man h\u00f6rt, hat er sogar ehemalige Konkurrenten unterst\u00fctzt, damit sie wieder zur\u00fcck ins Leben fanden. <\/p>\n\n\n\n<p>Alles Doper und damit alles Betr\u00fcger, wie geht das eigentlich zusammen mit der Vorbildfunktion? Diese Frage besch\u00e4ftigte mich heute morgen noch im Bett liegend auch. In der Geschichte des Radsports wurde immer gedopt. Sich einen Vorteil verschaffen und damit zu betr\u00fcgen, ist Teil des Systems, das m\u00fcssen wir leider tolerieren, wenn auch nicht akzeptieren. Die Geschichte zeigt aber auch, dass zu bestimmten Zeiten alle auf die gleiche Idee kamen und sie damit mehr oder weniger erfolgreich waren. Damit wurden die Leistungen irgendwie doch wieder vergleichbar, ohne dass ich es gut heissen w\u00fcrde. Wirklich schlimm war die Phase, als gewissenlose Mediziner und gierige Sponsoren tats\u00e4chlich auf die W\u00fcnsche der medizinischen Laien, der \u00fcberehrgeizigen Sportler n\u00e4mlich, eingingen und als gefahrlos verkauften, was manchen umbrachte. Letzten Endes entstand ein System, dem sich kaum einer entziehen konnte und auch nicht entziehen wollte. Doch die Berge wurden dadurch nicht niedriger, die Hitze und K\u00e4lte nicht weniger, die Schmerzen wurden zwar bet\u00e4ubt, waren aber nicht weg, das Leiden ging weiter, sogar auf h\u00f6herem oder anderem Niveau. Ich kann mir nicht vorstellen, dass die Angst, entdeckt und damit ge\u00e4chtet zu werden, oder davor, einfach tot umzufallen, wirklich befl\u00fcgelt. Wir reden von jungen M\u00e4nnern im ersten Drittel des Lebens, vergesst das nicht. Und so finde ich, dass man sie f\u00fcr ihren Fahrstil, ihr Verhalten im und ausserhalb des Feldes, ihre taktischen Z\u00fcge, ihre F\u00e4higkeit, zu Leiden und dabei zu L\u00e4cheln, auch in der Nachbetrachtung noch bewundern kann. <\/p>\n\n\n\n<p>Und auch der alte Mann hat heute wieder ein junges Vorbild. Der Tadej Pogacar will einfach nur Rad fahren. Ihm sieht man die Freude daran einfach an, es strahlt aus jeder Pore. Auch die Freude am Gewinnen. Seine Attacken aus dem Bauch heraus sind grandios. Gerade deshalb, weil sie oft etwas taktisch unklug scheinen. Am meisten aber beeindruckt mich, wie er im Etappenziel sofort Mitstreitern und Konkurrenten zu deren Leistungen gratuliert. Egal, ob er sie geschlagen hat, geschlagen wurde, sie selbst den Berg hochgezogen hat oder von ihnen gezogen wurde. Das hat was vom grossen Sportsmann und damit ist er ein Vorbild. Hoffentlich bricht er die Tradition des Radsports, die der gefallenen Helden. <\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wie so oft kann ich nicht schlafen. In den stressigen Zeiten vor dem Burnout waren es die unerledigten oder kommenden Aufgaben des n\u00e4chsten Tages, die die Gelegenheit nutzten, sich genau dann zu melden, wenn sie sicher waren, meine volle Aufmerksamkeit zu bekommen. Auf Gef\u00fchlsebene stritten sie sich als Sorge vor fehlender Anerkennung und in-Ungnade-fallen beim Chief und damit ewiger Verdammnis<\/p>\n<p><a class=\"more-link\" href=\"https:\/\/dasletztedrittel.de\/?p=149\">Weiterlesen<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"advanced_seo_description":"","jetpack_seo_html_title":"","jetpack_seo_noindex":false,"jetpack_post_was_ever_published":false,"_jetpack_newsletter_access":"","_jetpack_dont_email_post_to_subs":false,"_jetpack_newsletter_tier_id":0,"_jetpack_memberships_contains_paywalled_content":false,"_jetpack_memberships_contains_paid_content":false,"footnotes":""},"categories":[5],"tags":[],"class_list":["post-149","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-sport"],"jetpack_featured_media_url":"","jetpack-related-posts":[],"jetpack_likes_enabled":true,"jetpack_sharing_enabled":true,"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/dasletztedrittel.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/149","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/dasletztedrittel.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/dasletztedrittel.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/dasletztedrittel.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/dasletztedrittel.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=149"}],"version-history":[{"count":15,"href":"https:\/\/dasletztedrittel.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/149\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":314,"href":"https:\/\/dasletztedrittel.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/149\/revisions\/314"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/dasletztedrittel.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=149"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/dasletztedrittel.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=149"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/dasletztedrittel.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=149"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}