{"id":200,"date":"2023-09-13T06:48:35","date_gmt":"2023-09-13T06:48:35","guid":{"rendered":"https:\/\/dasletztedrittel.de\/?p=200"},"modified":"2023-11-02T16:19:54","modified_gmt":"2023-11-02T16:19:54","slug":"misanthropischer-philanthrop","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/dasletztedrittel.de\/?p=200","title":{"rendered":"Misanthropischer Philanthrop"},"content":{"rendered":"\n<p>Die beste Lebensgef\u00e4hrtin von allen schickte mir neulich ein Meme. F\u00fcr die \u00c4lteren von uns: in diesem Neuland Internet verbringen Menschen viel Zeit damit, alte Filmschnipsel oder Bilder neu zusammenzumixen, um eine Botschaft \u00fcber die moderne Welt zu verbreiten. In diesem Meme also fragte Ingrid Bergmann den Gary Grant &#8211; so ganz jung kann der Ersteller des Memes nicht gewesen sein &#8211; \ud83d\ude42 ) &#8222;What makes life so difficult?&#8220; Antwort: &#8222;people!&#8220;. Oh Jesus, eine ganz kurze Scene, 6 Worte, und mein ganzes Dilemma mit der Gesellschaft und dem Leben um mich herum war beschrieben. <\/p>\n\n\n\n<p>Ja, people, Leute, Menschen k\u00f6nnen mir das Leben schon ganz sch\u00f6n schwer machen. Die Menschheit zog &#8211; wie wir alle wissen &#8211; etwa 2 Millionen Jahre lang mordend und alles Niederbrennend durch die dabei entstandenen Steppen und hatte nix besseres zu tun als sich gegenseitig die Frauen zu klauen und umzubringen. Um das \u00dcberleben einer Sippe zu gew\u00e4hrleisten wurden die St\u00e4rksten und Skrupellosesten die Anf\u00fchrer und die Schwachen aussortiert. Wahrscheinlich redeten die Starken den Schwachen ein, nur sie k\u00f6nnten den S\u00e4belzahntiger  besiegen. Und die Schwachen bekamen nichts zu Essen und durften sich auch bei sonst allem hinten anstellen, so hatte es Darwin postuliert. Erst vor etwa 7000 Jahren, also kurz vor Mitternacht, wenn die Menschheitsgeschichte an einem Tag geschehen w\u00e4re, entdeckte die Menschheit die gesundheits- und damit \u00fcberlebensf\u00f6rdernde Wirkung von Getreide und begann mit der Zivilisation. <\/p>\n\n\n\n<p>Es gab genug Essen f\u00fcr alle, Frauen waren in Sicherheit, das Geld wurde erfunden, Wirtschaftssysteme entstanden, der Glaube wurde in die richtigen Bahnen geleitet, Freiheit, Gleichheit, Br\u00fcderlichkeit, Demokratie\u2026.. was war die Zivilisation doch eine tolle Sache. Und wenn es mal nicht ganz so toll war, dann waren nur unsere Steinzeitgene Schuld. Ist ja nur die d\u00fcnne Schicht der Zivilisation, die uns davon abh\u00e4lt, wieder \u00fcbereinander herzufallen. Das wissen wir alle, oder?<\/p>\n\n\n\n<p>So dachte ich auch \u00fcber \u201epeople\u201c.  Wenn also wieder jemand versucht, mich beim \u00dcberholen auf dem Fahrrad umzubringen, nur weil er oder sie ein paar Sekunden vorher an der roten Ampel stehen bleiben will: sind ja nur 7000 Jahre Zivilisation! Oder sich in der U-Bahn, beim B\u00e4cker oder sonstwo vordr\u00e4ngelt: dito, was sind schon 7000 gegen 2 Millionen Jahre. Da ich auch empfinde, dass die Gesellschaft immer r\u00fccksichtsloser und immer h\u00e4ufiger das Primat des St\u00e4rkeren gilt, habe ich den Eindruck, dass wir uns wieder zur\u00fcck entwickeln. Wir werden wieder Primaten, sch\u00f6nes Wortspiel. Mir ist das im Alltag mithin zu viel und so werde ich peu a peu zum Misanthropen.  Lass \u00b4 mer mei Ruh\u00b4, wie wir Hessen so sagen pflegen.<\/p>\n\n\n\n<p>Aber vom Misanthropen zum Grantler, Meckerer, N\u00f6rgler, Wutb\u00fcrger ist der Weg nicht weit. Und dann gehts weiter zu Einsamkeit, Depression, ewiges Sterben. Klingt drastisch, aber konsequent, oder? <\/p>\n\n\n\n<p>Will ich das? Die Menschen und alles, was sie verursachen &#8211; Egoismus, Extremismus, Populismus, also alle diese \u201e-ismen\u201c oder heisst es \u201e-ismusse\u201c ? sowie Kriege, Umweltzerst\u00f6rung, Klimawandel, Ausrottung, Krieg &#8211; kann ich nicht \u00e4ndern. Muss und will sie auch nicht akzeptieren.  Und all die kleinen Dinge im Alltag &#8211; nicht Ausweichen auf dem Gehweg, herumliegende Kippen, schlechtes Parf\u00fcm, schr\u00e4ge Blicke, lautes Handy und 1000 weitere Sachen, die an den Nerven s\u00e4gen- , auch nicht. Hilfe, Menschen\u2026\u2026\u2026..<\/p>\n\n\n\n<p>Manchmal &#8211; andere sagen, oft &#8211; musste  ich meine Sichtweise \u00e4ndern. Da war so ein Buch in den Bestsellerlisten, das heisst \u201eim Grunde gut\u201c. Menschen&#8230;&#8230; gut&#8230;..haha! Na gut, der eBook Reader war leer gelesen, dieses Internet Neuland und die n\u00e4chste Buchhandlung weit. Und das Buch war\u2026\u2026<\/p>\n\n\n\n<p>\u2026.. Mind changing! Der holl\u00e4ndische Psychologe Rutger Bregman stellt dar, dass die Menschheit 2 Millionen Jahre lang nur \u00fcberleben konnte, weil die Menschen kooperierten. Im Stamm war das \u00dcberleben aller wichtig, wer anderen etwas wegnahm oder gar aggressiv gegen\u00fcber anderen war, wurde schnell verstossen. St\u00e4mme kooperierten untereinander und trieben sogar Handel. Wie man heute weiss, waren M\u00e4nner und Frauen gleichberechtigt, es gab nicht so grosse k\u00f6rperliche Unterschiede wie heutzutage. Dann kam der Getreideanbau und mit ihm im Gefolge Besitz, zun\u00e4chst Landbesitz. Der St\u00e4rkste und Skrupelloseste setzte sich durch und Frauen wurden auf ihre Funktion des Geb\u00e4rens zur\u00fcckgesetzt. Es war eine Art Evolution, denn wenn es genug Nahrung gibt, kann sich eine Art h\u00e4ufiger reproduzieren. Mit dem Besitz kamen auch Geld, Zerstreuung, Sicherheitsgedanken und vieles mehr, kurz alles, was wir heute Zivilisation nennen. Der dickste Bauer bestimmte fortan \u00fcber das Wohl und Wehe der Gesellschaft und nicht mehr die Zusammenarbeit einigermassen gleichberechtigter Menschen. Man nannte das Zivilisation. <\/p>\n\n\n\n<p>Um diese These zu untermauern, wurden viele psychologische Experimente neu betrachtet. Zum Gl\u00fcck dokumentieren Wissenschaftler oft sehr genau, w\u00e4hrend Ver\u00f6ffentlichungen laut Rutger Bregman vorsichtig ausgedr\u00fcckt eher kommerziell zeitgeistigen Charakter tragen. So gab es ein sehr ber\u00fchmtes Experiment mit einer Gruppe Studenten, in der die eine H\u00e4lfte W\u00e4rter, die andere H\u00e4lfte Gef\u00e4ngnisinsassen sein sollten. Es gab keine Regeln, keine Verbote, keine Kontrolle. Das Experiment wurde fr\u00fchzeitig abgebrochen, da die \u201eW\u00e4rter\u201c gegen\u00fcber den \u201eGefangenen\u201c gewaltt\u00e4tig wurden und diese als Menschen 2.Klasse ansahen. Dieses Experiment wurde dann als Beleg daf\u00fcr ver\u00f6ffentlicht, dass die Menschen, wenn sie nicht durch Regeln gebremst werden, aufeinander losgehen. Es verkaufte sich pr\u00e4chtig und ist immer noch in Lehrb\u00fcchern zu finden. <\/p>\n\n\n\n<p>Die Protokolle und Aussagen der Beteiligten stellen das anders dar. Am Anfang geschah n\u00e4mlich: genau nichts. Die Studenten spielten ihre Rollen und fanden einen Modus Vivendi, sie kooperierten. Die Tage pl\u00e4tscherten friedvoll dahin. Das war langweilig und schlecht zu verkaufen. Also wurden die \u201eW\u00e4rter\u201c angestachelt, ungerecht zu sein und willk\u00fcrlich Gewalt anzuwenden. Ergebnis? Erschreckende Unmenschlichkeit, kommerzieller Erfolg und falsche Lehrb\u00fccher. <\/p>\n\n\n\n<p>Erinnert sich jemand an die erste Big Brother Show? Sympathische Menschen, die eine gute Zeit verbrachten und sich gegenseitig respektierten. Stinklangweilig. Erst als sie durch ein System von Bestrafung und Belohnung angestachelt wurden, kam Leben in die Bude. <\/p>\n\n\n\n<p>Bei dieser Betrachtung keimte in mir ein kleines philanthropisches Pfl\u00e4nzchen. Wenn also das, was wir so Zivilisation nennen, in Wirklichkeit ein System von Macht und Machtaus\u00fcbung ist, mit Begleiterscheinungen von Geld, Gier, Bestrafung und Belohnung, Wettbewerb, Angstmache, Wut und so weiter und so fort, dann f\u00f6rdert dieses System die Verhaltensweisen, die uns das Leben mit anderen so schwer machen. <\/p>\n\n\n\n<p>Mein kleines philanthropisches Pfl\u00e4nzchen gibt mir die Chance. Zivilisation abstreifen! Ok, was jetzt kommt, sind alles Binsenweisheiten: Teilen, lieb sein, Respekt zeigen, R\u00fccksicht nehmen. Was f\u00fcr mich aber neu an der \u201eim Grunde gut\u201c- Betrachtungsweise ist, ist die Erkenntnis, dass wir uns damit auf die Ebene \u201eweniger statt mehr Zivilisation\u201c begeben. Und damit leichter Zugang zu anderen Menschen finden. Wir m\u00fcssen uns nichts Neues beibringen oder uns am Riemen reissen oder was auch immer, wir m\u00fcssen nur so sein, wie wir eigentlich sind. Das sollte doch gehen. Philanthropie rulez!<\/p>\n\n\n\n<p>Na gut, schlechtes Parf\u00fcm und zu knapp \u00fcberholende SUV- Menschen kann ich daf\u00fcr immer noch nicht leiden. Aber ich bem\u00fche mich\u2026\u2026. ein  bisschen\u2026\u2026.. <\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die beste Lebensgef\u00e4hrtin von allen schickte mir neulich ein Meme. F\u00fcr die \u00c4lteren von uns: in diesem Neuland Internet verbringen Menschen viel Zeit damit, alte Filmschnipsel oder Bilder neu zusammenzumixen, um eine Botschaft \u00fcber die moderne Welt zu verbreiten. 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