{"id":233,"date":"2023-10-31T07:08:34","date_gmt":"2023-10-31T07:08:34","guid":{"rendered":"https:\/\/dasletztedrittel.de\/?p=233"},"modified":"2023-11-21T11:20:09","modified_gmt":"2023-11-21T11:20:09","slug":"der-tod-momento-moriendum-esse","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/dasletztedrittel.de\/?p=233","title":{"rendered":"Der Tod &#8211; Momento moriendum esse"},"content":{"rendered":"\n<p>Bedenke, dass Du sterben wirst! Stellt Euch vor: da kommt Ihr also siegreich von der Schlacht nach Hause, lasst die pr\u00e4chtigsten Pferde vor den Wagen spannen, der Weg f\u00fchrt durch die jubelnden Massen durch den in weiser Voraussicht f\u00fcr Euch erbauten Triumphbogen. Und dann stellt irgendein Miesepeter einen Sklaven hinter Euch auf den Wagen, der Euch einfl\u00fcstert: &#8222;Momentum moriendum esse &#8211; bedenke, dass Du sterblich bist&#8220;. Nat\u00fcrlich habt Ihr in den meisten F\u00e4llen den Sklave als ersten daran erinnert&#8230;&#8230;&#8230;<\/p>\n\n\n\n<p>Man meinte halt, es sei ein guter Weg, Euch davon abzuhalten \u00fcberm\u00fctig zu werden und sich unsterblich zu f\u00fchlen. Hat nicht immer funktioniert, nicht alle haben richtig hingeh\u00f6rt. Sp\u00e4ter in der Geschichte gab es durch die Kirche einen zweiten Anlauf, das gefl\u00fcgelte Wort wurde zu &#8222;Moment mori&#8220;, dem Gedanken, zu sterben. <\/p>\n\n\n\n<p>Ich denke, das wurde und wird noch in verschiedenen Bedeutungen genutzt. Zum einen als Aufforderung zur Demut und dem Bewusstsein der eigenen begrenzten Zeit im Sinne von: &#8222;nutze die Zeit (Gutes zu tun)!&#8220;. Oder aber auch von oben herab im Sinne des Machterhalts: &#8222;egal, was Du tust, die Dinge bleiben sowieso, wie sie sind&#8220;!. Oder aber auch \u201enach mir die Sintflut\u201c. Auch alles nur Sprichw\u00f6rter?<\/p>\n\n\n\n<p>Sich dem Thema Tod zu n\u00e4hern, empfinde ich zun\u00e4chst ganz leicht. Es ist die einzige unumst\u00f6ssliche Gewissheit, die ich habe: ich werde sterben. Von der ersten Minute meines Lebens an. Was und ob etwas danach kommt, weiss niemand. Ist doch alles ganz einfach, oder? Und da das ausnahmslos f\u00fcr alle Lebewesen auf der Erde gilt, k\u00f6nnten doch alle danach leben: die Zeit bis zum Tod m\u00f6glichst gut, sozialvertr\u00e4glich und ressourcenschonend verbringen, vielleicht noch den Erhalt der Art sichern, dann abtreten, kurz betrauern lassen &#8211; Ihr erinnert Euch, grundlegendes menschliches Gef\u00fchl &#8211; und wieder in die Ressourcen der Erde eingehen. <\/p>\n\n\n\n<p>Aber in mir drin nimmt ein Drama seinen Lauf: mein Dasein soll gef\u00e4lligst Sinn machen. Und bevor welcher Sinn auch immer nicht erf\u00fcllt ist, kann und darf ich nicht sterben. Na ja, dann kann ich einfach leben und nicht sterben, bis sich der  Sinn meldet. Und wenn ich dann weg bin, wird den Trauernden schon einfallen, welchen Sinn mein Leben hatte. Warum also \u00fcber den Tod nachdenken? Lebe! Dabei hilft die Medizin, der Fortschritt, der Wohlstand, all die kleinen und grossen Annehmlichkeiten. <\/p>\n\n\n\n<p>Und Nachts ist es ganz anders, um mal einen Film zu zitieren. Was soll das alles? Was ist gut, was ist schlecht? Was kommt? Was bleibt? Wie bleibe ich in Erinnerung? Was konnte ich den Kindern weiter geben? Und vor Allem: werde ich zufrieden in die ewigen Jagdgr\u00fcnde eingehen? <\/p>\n\n\n\n<p>Keine Antworten, also wird Momento Mori immer weiter verdr\u00e4ngt. &#8222;Man&#8220; redet nicht \u00fcber den Tod &#8211; also, nicht \u00fcber den eigenen, \u00fcber den der anderen schon &#8211; und ich habe schon manche \u00dc80er kennen gelernt, denen der Tod v\u00f6llig ungelegen kommen w\u00fcrde, sie h\u00e4tten ja noch so viel vor. Sterben kann man schon ziemlich pers\u00f6nlich nehmen. <\/p>\n\n\n\n<p>Im letzten Drittel stellt sich bei mir jetzt oft das Gef\u00fchl ein, mir w\u00fcrde die Zeit davon rennen. Die Zeit bis zum Tod scheint immer k\u00fcrzer. Werde ich durchschnittlich alt, sind es noch 19 Jahre. 19 mal Fr\u00fchling, 19 mal Sommer und Herbst und Winter sind eh tr\u00fcb. Noch gemeiner klingt das in Tagen: knapp 7000 Tage, davon \u00fcber 3000 bei h\u00f6chstwahrscheinlich schlechtem Wetter und Dunkelheit ab 17:00 Uhr. Also schnell schnell, Sinn suchen und finden, Fragen beantworten ,die Big Five for Live formulieren, etwas f\u00fcr die Nachwelt erarbeiten, fit werden, gut werden, gib\u2019 alles! Der Buchmarkt, der Coachingmarkt, die sozialen Medien haben Millionen Tipps und schlaue Gedanken. Und ist der Algorithmus mal geweckt, kommst Du nicht mehr so schnell raus. Da ich noch nicht ganz \u00fcber Erwartungsdruck und \u00e4hnliches hinweg bin, bin ich noch empf\u00e4nglich f\u00fcr alles M\u00f6gliche.  Und alle diese Gedanken f\u00fchren schon mal zu nichts ausser Angst, Bedauern und schlechter Laune. <\/p>\n\n\n\n<p>Also Handy, Notebook, Tablet oder eBookreader zur Seite legen und erst mal aufs Rad. Mal in den Flow kommen, der entsteht, wenn bei gleichm\u00e4ssigem Rhythmus die Muskeln mehr Sauerstoff als das Hirn bekommen und das Hirn die \u00fcberfl\u00fcssigen Gedanken weglegen muss.  Und da eine Strava Mitgliedschaft auch bei \u00e4lteren Menschen wie mir immer dazu anregt, \u00fcber die k\u00f6rperlichen Grenzen hinaus zu gehen, hat mein Hirn wahrscheinlich Todesangst und ist heilfroh, dass es doch noch weiter geht und freundet sich mit dem Tod an. So stelle ich mir das vor: wenn der K\u00f6rper mal so richtig ( \u00fcber-) fordert ist, habe ich keine Angst davor, abzutreten. Und kann meine Sinngedanken sortieren. <\/p>\n\n\n\n<p>Zukunft planen, Texte formulieren oder \u00e4hnliches funktioniert bei auf dem Rad nicht ganz so gut ( daf\u00fcr ist die Sauna da ), aber daf\u00fcr, ab und zu das erste und das mittlere Lebensdrittel bildhaft an sich vorbei ziehen zu lassen, ist es ganz hilfreich. Im Prinzip denke ich dabei oft in Highlights. Und das sind viele, mehr, als ich spontan auf Aufforderung nennen k\u00f6nnte. Und es sind gute dabei. Mir gibt das Frieden, besonders dann, wenn ich mich vorher etwas leer f\u00fchle. Und fast immer finde ich dann einen Punkt, an dem ich wieder ansetzen kann: eine Gesch\u00e4ftsidee verbessert aufsetzten, mit der Familie reden, etwas reparieren und verbessern, \u00dcberschriften f\u00fcr Texte verfassen, eine Sprache lernen wollen und so weiter. Vor allem: auf Chancen achten, die ich fr\u00fcher \u00fcbersehen habe. Und dann kommt bestimmt etwas, was F\u00dcR MICH Sinn macht. Vielleicht verbessert das dann nicht die Welt &#8211; darunter tat ich es oft nicht &#8211; , aber seien wir doch mal ehrlich: bei allen Dingen, die uns um herum geschehen, ist es schon ein Erfolg, wenn auf dem Grabstein steht: <\/p>\n\n\n\n<p>&#8222;<strong>Wenigstens hat er nix kaputt gemach<\/strong>t\u2026..&#8220;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Bedenke, dass Du sterben wirst! Stellt Euch vor: da kommt Ihr also siegreich von der Schlacht nach Hause, lasst die pr\u00e4chtigsten Pferde vor den Wagen spannen, der Weg f\u00fchrt durch die jubelnden Massen durch den in weiser Voraussicht f\u00fcr Euch erbauten Triumphbogen. 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