{"id":316,"date":"2023-12-18T12:24:02","date_gmt":"2023-12-18T12:24:02","guid":{"rendered":"https:\/\/dasletztedrittel.de\/?p=316"},"modified":"2023-12-23T17:51:18","modified_gmt":"2023-12-23T17:51:18","slug":"warum-sagt-einem-das-keiner","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/dasletztedrittel.de\/?p=316","title":{"rendered":"Warum sagt einem das keiner?"},"content":{"rendered":"\n<p>Wir M\u00e4nner altern nicht, wir reifen. B\u00f6se Zungen w\u00fcrden sagen, manche wie guter Whisky &#8211; so wie ich nat\u00fcrlich &#8211; die meisten eher wie Camembert. Werden zwar innen weicher, aber zunehmend stinkig. Frage ich mein Umfeld, w\u00fcrden sie die Metapher mit dem Camembert und mir nicht ganz spontan abstreiten. Was ist denn hier los? <\/p>\n\n\n\n<p>Eigentlich alles gut, alles tutti, va bene! Aufgabe ist, in W\u00fcrde altern. So ab 55 geht es, lauscht man den Legenden der Alten, zwar langsam bergab, aber doch kontinuierlich, fast unmerklich. So ganz nachvollziehen kann ich das nicht. Es gibt den netten Spruch: &#8222;jeden 60-j\u00e4hrigen Mann schaut ein 20-j\u00e4hriger aus dem Spiegel an, der nicht weiss, was geschehen ist&#8220;. Also ich sehe nur einen fast 60-j\u00e4hrigen, der nicht weiss, was in den letzten 5 Jahren geschehen ist. Zwischen 55 und 60 ist ein gewaltiger Unterschied. Unmerklich, wie die Legenden sagen, war es nun wirklich nicht. <\/p>\n\n\n\n<p>Mit dieser Selbsterkenntnis stehe ich \u00fcbrigens nicht ganz alleine, ich h\u00f6re es recht h\u00e4ufig, ob zu fortgeschrittener Stunde beim Grillabend auf dem Campingplatz oder von Kollegen oder Kolleginnen zwischen T\u00fcr und Angel . Manche dr\u00fccken es so aus: &#8222;man ist im Kopf nicht mehr so elastisch&#8220;. Oder: &#8222;ich komme nicht so schnell davon los, halte sehr lange an etwas fest&#8220;. &#8222;Mir h\u00e4ngt es nach&#8220; oder &#8222;fr\u00fcher hat mir das nichts ausgemacht&#8220;. Kommt das jemandem bekannt vor? <\/p>\n\n\n\n<p>Ich w\u00fcrde es mit Anpassungsproblemen beschreiben, was ein bisschen nach psychischer St\u00f6rung klingt. Nur ein bisschen. Symptome sind Gereiztheit bei \u00c4nderung der Umgebung, sogar im Urlaub ( sorry f\u00fcr Hamburg, liebste beste Lebensgef\u00e4hrtin von Allen). Oder Wut und\/ oder Langeweile in Meetings und Gespr\u00e4chen, wenn sich die Gespr\u00e4che im Kreis drehen und sich die Worte wieder und wieder wiederholen. Und ich mich v\u00f6llig falsch f\u00fchle. Aber dann, wenn ich mal nichts so richtig verstanden habe, wiederholts nat\u00fcrlich keiner. Auch wieder falsch, dann Gereiztheit, diesmal auf mich selbst, weil ich wohl nicht richtig zugeh\u00f6rt habe. So werden wechselnde Umgebungen und wechselnder Gespr\u00e4chspartner und auch fluktuierende Anfangszeiten f\u00fcr was auch immer etwas schwierig. Schwierig wird auch, sich im Laufe des Tages verschiedenen Aufgaben zu stellen: morgens Telefondienst, mittags Aussendienst und nachmittags noch schnell Abrechnung machen. Das geht auch mit 60, kostet nur mehr K\u00f6rner als noch mit 55. Umstellung und Anpassung fallen schwerer. Einen echten, nachvollziehbaren, rationellen Grund daf\u00fcr kann ich nicht festhalten und bei anderen meines Alters treffe ich auch auf Ratlosigkeit. <\/p>\n\n\n\n<p>Wie dem auch sei, Junge. Auch, wenn es Werbung, die Vorg\u00e4nger, die Bosse, die Medien, die Eltern, wer auch immer einreden wollen (f\u00fcr die \u00c4lteren sind 60 noch jung, vergiss das in Deiner Betrachtung nicht!): verabschiede Dich davon, dass 60 das neue 40 ist. 55 war\u00b4s vielleicht noch, 60 nicht mehr. Auch wenn Du k\u00f6rperlich fitter denn je bist, so viel wiegst wie zuletzt mit 19, Du ins Fitnessstudio gehst und mit dem Rennrad die Berge hochst\u00fcrmst: die einzigen Zellen Deines K\u00f6rpers, die j\u00fcnger als 60 sind, sind die Leberzellen und die Hautzellen, der Rest ist genau 59 Jahre und ein paar Tage alt. Und selbst die Leber und die Haut brauchen jetzt l\u00e4nger als fr\u00fcher, soll also kein Freibrief zum Saufen. Wir werden eh\u00b4 fr\u00fcher m\u00fcde. <\/p>\n\n\n\n<p>Und Deine Festplatte in der Birne vergisst nix. Ebensowenig wie Dein K\u00f6rper. Alle Erinnerungen, Verletzungen, Traumata, psychisch oder physisch abgespeichert &#8211; ja, es gibt auch ein K\u00f6rprged\u00e4chtnis- sind noch da und gucken immer im unpassendsten Moment und die Ecke, um nur mal kurz Hallo zu sagen. Und ihre Bedenken zu \u00e4ussern. Ja, denn das evolution\u00e4re Hirn speichert die Sachen, die nicht geklappt haben, gerne schnell abrufbar ab. Hatte ja mal Vorteile, die Pilze, die fast die halbe Sippe umgebracht haben, schnell wieder zu erkennen. Aus Fehlern lernen. Dass diese F\u00e4higkeit in Gruppen und Gesellschaften nicht so wirklich funktioniert, ist ein eigenes Kapitel wert. Macht sich jetzt beim fast 60 j\u00e4hrigen dadurch bemerkbar, dass er sich Zuvertrauen in seine Kenntnisse und F\u00e4higkeiten, aber auch die Sch\u00f6nheit der Umgebung, die guten Dinge halt, aktiv bewusst machen muss, die Bedenken und Unangenehmes aber einfach da sind und manchmal&#8230;&#8230;oft&#8230;.die Regie meines Verhaltens \u00fcbernehmen. <\/p>\n\n\n\n<p>Hamburg! Jetzt wollt Ihr sicher wissen, was abging. Wir waren ein Woche an der Ostsee, geniales Wetter, leerer Strand, viel frische Luft, Strandkorbgespr\u00e4che ( siehe <a href=\"http:\/\/www.einfachmalgut.de\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">Einfachmalgut<\/a> ). Dann sind wir nach Hamburg. Nettes Hotel, gute Lage in der Speicherstadt, Karten f\u00fcr die Elphi, immer noch geniales Wetter, viele Menschen, viel Verkehr, \u00fcberall geschlossene Restaurants, Weizenbier f\u00fcr 7 Euro&#8230;&#8230;&#8230;.und die Abw\u00e4rtspirale nahm ihren Gang. Das unangenehme Gef\u00fchl in Menschenmengen, das gef\u00fchlte Verhalten anderer Menschen, die negativen Gedanken \u00fcber zu viel Verkehr, &#8222;schr\u00e4ge&#8220; Musik, die atonal und disharmonisch direkt ins Hirn ging&#8230;&#8230;&#8230;.\u00fcbernahmen die Macht. Ratzfatz aus die Maus, alles versank im schwarzen Nebel. Aus der Nummer fand ich nicht mehr raus. Hamburg ist aber auch h\u00e4sslich&#8230;..so was von&#8230;&#8230;.sorry, liebe Hamburger.<\/p>\n\n\n\n<p>Anderes Beispiel: ich war in der Eingliederungsphase keine halbe Stunde im B\u00fcro und schon ging es wieder darum, krankheitsbedingt 3 verschiedene T\u00e4tigkeiten ausf\u00fchren zu wollen\/ m\u00fcssen. Wenn ich es gem\u00e4ss meiner eigenen Anspr\u00fcche an meine T\u00e4tigkeit h\u00e4tte machen wollen. Das w\u00e4re nicht gut gegangen. Aber so elastisch bin ich nicht mehr.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich rede generell nicht von den inneren D\u00e4monen und heftigen Traumata. Die brauchen professionelle Bearbeitung. Eher allt\u00e4gliche, kumulierte Gef\u00fchle, Impressionen, Gedanken, die Hemmschuhe.  Das Internet vergisst nichts, und das hatte nur 30 Jahre, wir haben den doppelten Zeitraum zum Nichtvergessen. <\/p>\n\n\n\n<p>Aber das, was ich mir unbedingt merken wollte, das vergesse ich sofort. Manchmal ist es wie eine Verschiebung der Priorit\u00e4ten, das Wichtige flattert davon, Nebens\u00e4chlichkeiten bleiben. Manchmal ist es das Gef\u00fchl, die Festplatte kann nichts mehr aufnehmen, bevor nicht irgendwas ausgelagert wird. So wie in das Denkarium von Dumbledore, einfach mal Platz f\u00fcr neue Gedanken machen. <\/p>\n\n\n\n<p>Das alles ist nicht schlimm, deutet auch weder auf Denkfaulheit noch beginnende Demenz hin. Ist nur schwer zu akzepieren, deshalb werde ich manchmal stinkig wie der oben erw\u00e4hnte Camembert. Aber warum sagt einem das Keiner, schreibt keiner dar\u00fcber, postet nicht dar\u00fcber? Wahrscheinlich vergessen \ud83d\ude42 .<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wir M\u00e4nner altern nicht, wir reifen. B\u00f6se Zungen w\u00fcrden sagen, manche wie guter Whisky &#8211; so wie ich nat\u00fcrlich &#8211; die meisten eher wie Camembert. Werden zwar innen weicher, aber zunehmend stinkig. Frage ich mein Umfeld, w\u00fcrden sie die Metapher mit dem Camembert und mir nicht ganz spontan abstreiten. Was ist denn hier los? 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