{"id":72,"date":"2023-08-29T12:01:55","date_gmt":"2023-08-29T12:01:55","guid":{"rendered":"http:\/\/dasletztedrittel.de\/?p=72"},"modified":"2023-11-02T16:17:00","modified_gmt":"2023-11-02T16:17:00","slug":"wir-ausgebrannten","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/dasletztedrittel.de\/?p=72","title":{"rendered":"Wir Ausgebrannten"},"content":{"rendered":"\n<p>Was ist denn hier los? Jahrzehntelang war die Antwort auf die Frage &#8222;wie geht es Dir?&#8220; : &#8222;Gut!&#8220; oder, wenn es eher so mittel ist: &#8222;L\u00e4uft!&#8220; oder, wenn eher schlecht: &#8222;Muss!&#8220;. Ja, das ist sie, die Generation, f\u00fcr die es immer nur aufw\u00e4rts ging, die sich redlich m\u00fchte, ihre Sch\u00e4fchen im Trockenen zu halten. Frieden, Sicherheit, ewiger wirtschaftlicher Aufschwung, Mutti regiert, ein ewiges Mantra. Familie, Kinder, gute Jobs, ein Heim, oft sogar ein Eigenes, aufw\u00e4ndige Hobbies, weite Reisen. Den einen oder anderen R\u00fcckschlag wie Scheidung, Krankheiten, Jobverlust und einiges mehr gab es zwar auch, aber- hey- wir wuchsen ja immer mit unseren Aufgaben und Niederlagen machten uns nur st\u00e4rker. <\/p>\n\n\n\n<p>So sitzen wir dann zusammen, erz\u00e4hlen uns meist Schw\u00e4nke aus unseren Berufsleben, wir sind unser Beruf und der Beruf definiert uns. Manchmal stimmen wir auch ein in die Politik und damit in die allgemeine Aufregung zu aktuellen Themen, oftmals mit einem Hang zum MIMIMI&#8230;&#8230; Jaja, das Jammern ist auf hohem Niveau, denn materiell geht es uns mehr oder weniger gut. Oder?<\/p>\n\n\n\n<p>Denn es naht der 60ste. Unaufhaltsam. Schnell ist wie immer in Gespr\u00e4chsrunden abgecheckt: beruflich? &#8222;Gut! L\u00e4uft! Muss!&#8220; . Familie?: &#8222;L\u00e4uft!&#8220; . Gesundheit?: &#8222;Muss!&#8220; . Politik?: &#8222;Oh je!&#8220; Oder auch umgekehrt. Und dann ert\u00f6nt oft ein zun\u00e4chst zaghaftes &#8222;Na Ja&#8230;&#8230;.&#8220;. Darauf hin kommen wir oft auf etwas, was die meisten in unserer Generation verbindet. Wir fragen uns, ob wir so weitermachen wollen, wie es gerade l\u00e4uft. Ob wir so wohnen wollen, wie wir es tun. Ob wir weiter so arbeiten, reisen, konsumieren, kommunizieren wollen. <\/p>\n\n\n\n<p>Wir sind in eine recht gnadenlose Leistungsgesellschaft hineinsozialisiert worden. Denn die Konkurrenz war gro\u00df, wir waren viele. Nur die besten kommen weiter. Die fehlerfreien, die schnellen, die skrupellosen. Es gab Assessments mit \u00fcbelsten Psychotricks, um Jobs zu bekommen. Hatten wir einen, wurde kaum eine Gelegenheit ausgelassen, darauf hinzuweisen, dass 100 andere nur zu gerne diesen Job h\u00e4tten. Wir waren austauschbar. &#8222;Survival of the fittest&#8220; wurde als &#8222;die St\u00e4rksten \u00fcberleben&#8220; interpretiert und gelebt. &#8222;Leave no one behind&#8220; war nicht gerade das gesellschaftliche Motto unserer noch jungen Leben. Und als w\u00fcrde das nicht ausreichen, bekamen wir noch mit auf den Weg, wie wichtig Statussymbole sind. Kannste was, haste was, biste was! So das Narrativ. <\/p>\n\n\n\n<p>Wer nicht mitmacht, muss sp\u00e4ter Pfandflaschen sammeln und stirbt arm und einsam. Ohne die Segnungen der modernen Welt. Oder kann seinen Kindern nichts bieten, so dass sie sp\u00e4ter T\u00fcten kleben oder auf St\u00fctze angewiesen sind. Ja, da schlich sich die Angst ein, das war ja nicht ganz von der Hand zu weisen.<\/p>\n\n\n\n<p>Also wurden wir flexibel, besonders f\u00fcr den Job. R\u00e4umlich und zeitlich sowieso, gedanklich auch. Die Arbeit wurde immer mehr verdichtet, was heute einer macht, machten zu Vaters Zeiten vier. Ich hatte zwischenzeitlich einen sehr \u00e4hnlichen Job wie mein Vater, kann es also direkt vergleichen. Computer sorgten so nicht f\u00fcr Erleichterung, sondern Mehrarbeit durch Selbstverwaltung. Wir besuchten Zeitmanagementseminare, liessen uns Coachen, lernten aus unseren Fehlern, \u00fcbernahmen Verantwortung und liessen uns aufdr\u00fccken, dass wir selbst als einfache Mitarbeiter unternehmerische Verantwortung \u00fcbernehmen. Die Direktive lautete: um Leistung zu bringen, m\u00fcssen wir uns anpassen und \u00e4ndern!<\/p>\n\n\n\n<p>Im Gegenzug fuhren die Konzerne und Firmen ihre sozialen Leistungen wie Werkswohnungen, Kinderg\u00e4rten, Gewinnbeteiligungen etc. zur\u00fcck. Leistung gegen Lohn und sonst nix. Und der Lohn?Verlange nicht zu viel, Du weisst ja, da stehen noch 100 andere&#8230;&#8230;  . Wir erfuhren eine beispiellose Abwertung der sozialen Berufe und eine Adelung der Bullshitjobs. Status wurde wichtiger als Sinn. <\/p>\n\n\n\n<p>Private R\u00fcckschl\u00e4ge steckten wir weg. Waren es ja gewohnt, aus den Fehlern zu lernen und uns zu \u00e4ndern. Was im Berufscoaching gelehrt wurde, kann ja privat nicht ganz falsch sein. Wer es trotzdem nicht schaffte, war jemand, der nicht lernen wollte. <\/p>\n\n\n\n<p>Und jetzt? Jetzt m\u00fcssen wir f\u00fcr unseren Beruf brennen. Und wir tun das! Wir brennen&#8230;&#8230; aus!<\/p>\n\n\n\n<p>Warum? Je \u00e4lter wir werden, je mehr Erfahrungen wir machen, desto empf\u00e4nglicher werden wir f\u00fcr Angst. Beziehungsweise Angstmache!<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Was ist denn hier los? Jahrzehntelang war die Antwort auf die Frage &#8222;wie geht es Dir?&#8220; : &#8222;Gut!&#8220; oder, wenn es eher so mittel ist: &#8222;L\u00e4uft!&#8220; oder, wenn eher schlecht: &#8222;Muss!&#8220;. Ja, das ist sie, die Generation, f\u00fcr die es immer nur aufw\u00e4rts ging, die sich redlich m\u00fchte, ihre Sch\u00e4fchen im Trockenen zu halten. 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