{"id":86,"date":"2023-08-30T10:30:23","date_gmt":"2023-08-30T10:30:23","guid":{"rendered":"http:\/\/dasletztedrittel.de\/?p=86"},"modified":"2023-09-12T10:46:36","modified_gmt":"2023-09-12T10:46:36","slug":"mein-jahrmarkt-der-sorgen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/dasletztedrittel.de\/?p=86","title":{"rendered":"Mein Jahrmarkt der Sorgen"},"content":{"rendered":"\n<p>Oft liege ich nachts wach, die Gedanken fahren Karussell. Ein Gedanke ergibt den anderen und irgendwann f\u00e4ngt alles wieder von vorne an. Es geht auf und ab, links und rechts, kein Wunder, dass es manchmal Gr\u00fcbelkarussell genannt wird. Es ist ja nicht mein Intellekt, der jetzt unbedingt \u00fcber dies und das nachdenken will, im Gegenteil, das poppt in mir in dem Moment hoch, in dem die \u00e4usseren Reize minimiert werden. Bis auf die Gr\u00fcbelverst\u00e4rker: die nervt\u00f6tenden Ger\u00e4usche der Autobahn, der Stadt, der Strassen, Schnarchen, Nachbarn &#8211; sucht es Euch aus. <\/p>\n\n\n\n<p>Zum Gr\u00fcbeln bringen mich meine Sorgen und \u00c4ngste, meine Gef\u00fchle, die ich nicht so einfach abstellen kann. Sie sind einfach da. Im Laufe der Jahre entstand nicht nur ein Karussell, sondern ein kompletter Jahrmarkt. Mein Jahrmarkt der Sorgen und \u00c4ngste. Und der Wut!<\/p>\n\n\n\n<p>In ganz jungen Jahren war es die Angst, meine Eltern mit den Geschwistern teilen zu m\u00fcssen. Die Sorge um Zur\u00fcckweisung. Ich war lange der Held im Erdbeerfeld und pl\u00f6tzlich hatte der Prinz Nebenbuhler*innen. Ich kann mich selbst nicht mehr daran erinnern, es entlud sich wohl in Zorn und Wut. Sp\u00e4ter in der Schule bis etwa zur 7. Klasse war ich richtig gut. Was meine Motivation war, weiss ich nicht mehr. Ob die Angst vor sozialem Abstieg, die meine Eltern st\u00e4ndig predigten oder ob ich gefallen wollte oder es einfach so lief, ich kann und will es eigentlich auch nicht nachvollziehen. Je schlechter ich dann in der Schule wurde, desto eher wurde Druck durch Angstmache das Mittel, das Lehrer und Eltern w\u00e4hlten. Ich bew\u00e4ltigte das durch tot stellen oder Flucht. Studium war das gleiche Spiel, nur auf h\u00f6herem Niveau, der Einsatz f\u00fcr das Spiel des Lebens wurde h\u00f6her. Die H\u00f6rs\u00e4le waren \u00fcberf\u00fcllt, es gab festgelegte prozentuale Durchfallquoten bei Klausuren. Druckmittel? Sozialer Abstieg, Ihr erinnert Euch?<\/p>\n\n\n\n<p>Und es wirkte. Ich wollte aus pekuni\u00e4ren Gr\u00fcnden etwas werden, was ich nicht werden wollte. Ging ich durch die Sozialwohnungssiedlung, hatte ich Sorge, irgendwann hier zu landen. Ich hatte Sorge, mir mein Motorrad nicht mehr leisten zu k\u00f6nnen, nicht den Sprit, nicht die Kurzurlaube. War finanziell eher unbegr\u00fcndet, gut bezahlte Aushilfsjobs f\u00fcr eingeschriebene Studenten gab es damals noch. Doch wieder fiel ich mein altes Muster der Angstbew\u00e4ltigung: Flucht oder tot stellen. Das Angstgef\u00fchl ging, die Sorgen blieben und fuhren Karussell. Und das Karussell brachte keine L\u00f6sung. <\/p>\n\n\n\n<p>Letztendlich war es der Staat, der eine nicht ganz unfreiwillige L\u00f6sung fand. Die nicht ganz unberechtigte Angst vor dem Ostblock und anderer Schurkenstaaten zwang junge M\u00e4nner in den Staatsdienst. Waffe ging gar nicht, also Zivildienst. Ich entschied mich f\u00fcrs Leben retten auf dem Notarztwagen. Als Sani. Es war die Erf\u00fcllung, ich war gut und konnte die psychisch belastenden Erlebnisse gut wegstecken. Und da ich sp\u00e4ter damit meine Br\u00f6tchen verdiente und gute Arbeitszeiten hatte, war die berufliche Sorge erst mal weg. Privat lief auch recht gut, aus Freundin wurde Frau mit H\u00f6hen und vielen Tiefen. Geteilte Sorgen sind manchmal doppelte Sorgen, aber mein Beitrag war gar nicht so gro\u00df, wie ich heute feststellen muss. <\/p>\n\n\n\n<p>Dann Kinder. Und der Spruch: &#8222;kleine Kinder, kleine Sorgen. Gro\u00dfe Kinder, gro\u00dfe Sorgen&#8220; sollte sich bewahrheiten. In meinem Job kamen jetzt aber echte \u00c4ngste dazu, die auch meine Arbeit beeintr\u00e4chtigten: die Angst vor einer Infektion, die ich an die Kinder weitergeben k\u00f6nnte sowie die Angst vor einem beruflich bedingtem Schaden, der mich den Job kosten k\u00f6nnte = sozialer Abstieg. Das raubte mir oft den Schlaf. Ich liebte meinen gelernten Job, machte dann aber Jobs, die ich nur der Sicherheit und des schn\u00f6den Mammons willen machte. Wenn sich ein besserer Verdienst bot, Zack, Wechsel. Bessere Arbeitsbedingungen, Wechsel. Manchmal nicht ganz freiwillig, aber irgendwie funktionierte es. Meine damalige Frau, die Mutter der Kinder, wuppte viel zu Hause, wir konnten uns ein paar Dinge leisten, die Kinder waren gut ausgestattet, alles war irgendwo zwischen &#8222;L\u00e4uft!&#8220; und &#8222;Muss!&#8220;. Ich w\u00e4hnte mich gl\u00fccklich, die Sorgen und \u00c4ngste kreisten um die Kinder und schienen normal und bew\u00e4ltigbar. Warum bloss kam dann die Wut wieder zur\u00fcck? Ja, das unbestimmte Gef\u00fchl der Sorgen und \u00c4ngste entlud sich oft in lautstarkem Streit. Das Gedankenkarrussell bracht mir keine Antworten und Gr\u00fcbeln brachte noch mehr Wut. Holla, ich machte, was ich nicht wollte und wurde, wer ich nicht sein wollte. <\/p>\n\n\n\n<p>Eine Scheidung in Wut ist schlimm, besonders, wenn Kinder im Spiel sind. Ich \u00fcbersch\u00e4tzte meine Kinder und untersch\u00e4tzte mein Ex-Frau. Diesen Rattenschwanz an \u00c4ngsten will ich aber hier nicht ausbreiten. Nur so viel: es ging nicht um sozialen Abstieg, diesmal nicht. <\/p>\n\n\n\n<p>Das Leben wurde komplexer. Patchworken ist kein Selbstl\u00e4ufer und kann, wenn ein(e) Beteiligte(r) falsch spielt, sehr schwer werden. Da gesellen sich echte Verlust\u00e4ngste zum Jahrmarkt hinzu. Die Angst, dass ich die Kinder, die langsam dem Teenageralter entwuchsen, nicht mehr sehen w\u00fcrde. Wut kann hier zu Hass werden, das nagt und frisst im Inneren. Zum Gl\u00fcck sind das auch Gef\u00fchle und die bleiben nicht st\u00e4ndig. W\u00e4re k\u00f6rperlich auch zu anstrengend. Denn das ist Stress pur f\u00fcr den K\u00f6rper, Urzeitverhalten. <\/p>\n\n\n\n<p>Und jetzt kommen Erfahrung und Antrainiertes ins Spiel. Im den vielen Firmen, in denen ich war, gab es immer mal wieder Trainings zu Zeitmanagement und Stressbew\u00e4ltigung. Nat\u00fcrlich immer unter der Pr\u00e4misse der Produktivit\u00e4tssteigerung und geringer Ausfallzeiten. Prima, dachte ich, da l\u00e4sst sich doch so manches aufs Leben anwenden. Zerlegung in Teilprobleme und diese l\u00f6sen. Sichtweisen \u00e4ndern. Keine Aufsch\u00fcbe dulden. \u00dcber Teilerfolge freuen. Nur Dinge bearbeiten, die Du \u00e4ndern kannst. Habe immer Plan B. Und dazu noch C. Das volle Programm. Leider f\u00fchren auch Dinge, die ich nicht \u00e4ndern kann, zu \u00c4ngsten und Sorgen. Verlust, Geldn\u00f6te, Altersarmut, Krankheit, Tod. Besonders dann, wenn sie zus\u00e4tzlich noch Dritte betreffen. Alle Massnahmen funktionieren im Alltag ganz gut, vieles kann verdr\u00e4ngt werden, gammelt aber im Unbewussten weiter vor sich hin. Der Jahrmarkt der Sorgen wurde gr\u00f6sser, je mehr Lebenserfahrung ich bekam. <\/p>\n\n\n\n<p>Sachen, die mir jahrzehntelang egal oder selbstverst\u00e4ndlich waren, wurden pr\u00e4sent. Der Chef hat mich schief angeguckt, werde ich meinen Job los? Wie sehe ich aus, wie wirke ich auf andere? Bin ich gut genug f\u00fcr die T\u00e4tigkeit? Hat mein Gegen\u00fcber auch das verstanden, was ich meinte? War das jetzt mein Fehler? Bin und bleibe ich gesund? Was passiert, wenn&#8230;&#8230;..? Zusammengefasst: je \u00e4lter ich werde, desto eher weiss oder glaube ich, was schief gehen kann. Vor allem glaube ich es. Fatal!<\/p>\n\n\n\n<p>Und guess what: Quantit\u00e4t z\u00e4hlt. Da ich viel bef\u00fcrchtete, traf nat\u00fcrlich auch so manches ein. Und mein Gehirn weigerte sich, die Dinge wahrzunehmen, die nicht eintrafen. Ist auch so ein Urzeitding, denn es ging damals ums \u00dcberleben. Gute Dinge machen leichtsinnig. <\/p>\n\n\n\n<p>Ich beobachtete an mir aber noch einen Effekt: das, von dem ich wusste,  dass es nicht gut f\u00fcr mich ist, blendete ich aus. Schlechte Essgewohnheiten, besonders im Zusammenhang mit Stressbew\u00e4ltigung. Tats\u00e4chliche Arbeitsbelastung, die diesen Stress verursacht. Nachrichten. Denn hier hatte ich ja meine antrainierten, vermeintlich erfolgreiche Strategien. Ein bisschen Sport, kleine Fluchten, Mindset \u00e4ndern&#8230;&#8230;&#8230;. ja ja. Doch das Karussell dreht sich weiter. <\/p>\n\n\n\n<p>Lange Rede, kurzer Sinn: das alles funktioniert nicht, ich muss was tun. Und ich tat es!<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Oft liege ich nachts wach, die Gedanken fahren Karussell. Ein Gedanke ergibt den anderen und irgendwann f\u00e4ngt alles wieder von vorne an. Es geht auf und ab, links und rechts, kein Wunder, dass es manchmal Gr\u00fcbelkarussell genannt wird. 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